"Das Buch sollte so wirken, als sei es bereits mein viertes oder fünftes, und eben kein Debüt", sagt Peter Buwalda. Sein Anspruch ist klar: Mit den Großen der Zunft wollte er sich messen. Von Anfang an. Keines der üblichen verdrucksten 140-Seiten-Debüts. Kein langsames sich Vortasten ins Bewusstsein der Kritiker. Sondern mit einem großen Knall, wie er es nennt. Sein 639-seitiger Roman Bonita Avenue triumphierte in den Niederlanden, wo er 2010 erschien, auf Anhieb: Das Buch wurde für zehn Preise nominiert, von denen es fünf gewann, und verkaufte sich in 21 Auflagen 250.000 Mal. Für niederländische Verhältnisse gigantische Zahlen.

So ist der gebürtige Belgier Buwalda in seiner Wahlheimat inzwischen ein Star. Er hat sich mit seinem Roman einer implodierenden Patchwork-Familie Vergleiche mit den Amerikanern Jonathan Franzen und Philip Roth erschrieben. Nicht schlecht für einen, der, bevor das Buch nach vierjähriger Schreibarbeit endlich erschien, "kein Geld, keine Wohnung und keine künstlerische Perspektive besaß", wie er sagt. Tatsächlich erweist sich Bonita Avenue als ein in seiner sprachlichen Wucht kühnes und in seiner psychologischen Schärfe und Genauigkeit beeindruckendes, ja erschreckendes Buch.

Eine Familie zerspringt in ihre Einzelteile und hinterlässt ein Bild totaler, seelischer Verwüstung. Gewiss, der Vergleich mit  Franzens Die Korrekturen, den mancher niederländische Kritiker anstrengte, scheint auf den ersten Blick passend. Doch wo bei Franzen die Figuren noch am Dasein ihrer im Kleinkriegerischen versunkenen Welt laborierten,  dechiffriert Buwalda das Konstrukt Familie als solches als ein viel größeres Desaster, nämlich als mörderisches Teufelsgeflecht aus Lüge, Hintertreibung, unkontrollierter sexueller Gier, ungebremstem Willen zur Macht und latentem Wahnsinn.

Lustvoller Exorzist

Ging Franzen noch vornehm mit Skalpell und Schere zu Werke, um ins faul gewordene Fleisch zu schneiden, so ist bei Buwalda an deren Stelle längst die Kreissäge gerückt. Darin erweist sich Bonita Avenue als überaus modern. Buwalda beherrscht den Ton des klassischen Epikers ebenso sicher wie den des literarischen Splatterautors, dem die Farben am Ende nicht grell, und die Schreie nicht erschütternd genug sein können. Buwalda lesen, heißt in die verglühende Asche des Familienromans zu starren. Es heißt, einem unerschrockenen Tragödiendichter und lustvollen Exorzisten über die Schulter zu sehen.

Bonita Avenue entrollt die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Mannes namens Siem Sigerius. Er bringt es vom renommierten Mathematiker und erfolgreichen Universitätsrektor zum Wissenschaftsminister im niederländischen Kabinett, am Ende fliegt ihm seine gesamte Existenz sprichwörtlich um die Ohren. Denn irgendwann greifen die bösen Geister, die Sigerius lange erfolgreich in Schach hielt, nach ihm und ziehen ihn hinab. Einer von ihnen hört auf den Namen Wilbert und ist sein Sohn aus erster Ehe. Er ist ein außer Kontrolle geratener Superfreak, der in jungen Jahren einen Mann mit einem Hammer erschlug, und nun, da er sich damals von seinem Vater getäuscht sah, auf seine Weise den Racheengel spielt. Ihm gegenüber stehen Siems Adoptivtöchter Joni und Janis, zwei scheinbar rundum gelungene Erscheinungen, die im komfortablen Landhaus bei Enschede neben Siem und seiner Frau heranreifen.