Als ich Luise vom Kindergarten abholte, herrschte dort helle Aufregung: Im Garten auf dem Kompost hatten die Kinder zwei tote Kaninchen entdeckt. Martha die Erzieherin entzündete eine Kerze, hielt eine improvisierte Trauerrede und der Hausmeister vergrub die Leichen feierlich hinter dem Komposthaufen. Auf das eine der Kaninchengräber kam ein Kreuz und auf das andere ein Stein. "Das eine war muslimisch und darf kein Kreuz", erklärte unsere Tochter. 

Uns Eltern beschäftigte vor allem die Frage, woran die Kaninchen gestorben waren. Ein Raubtier schied aus, zeitgleiche Altersschwäche war unwahrscheinlich, gemeinschaftlicher Selbstmord erst recht.

"Wahrscheinlich Rattengift", mutmaßte die Liebste, als sie mit Leonies Mutter telefonierte.

Unsere Tochter musste das mitbekommen haben. Denn in den nächsten Stunden sprach sie immer wieder über Ratten. "Ratten sind blöd!", sagte sie. "Ratten sind fies und gemein. Wenn ich mal eine Ratte treffe, dann kriegt sie Kinderkloppe!"

"Mein Schatz", fragte ich irritiert, "was hast du mit den Ratten? Das sind auch Tiere – wie Kaninchen."

"Gar nicht!", empörte sie sich. "Die haben mit ihrem Gift die Kaninchen totgemacht!"

Ich konnte das Missverständnis aufklären, ohne loszuprusten. Luise ist allerdings ein Kind, das kombinieren kann.

"Ist das ein Tier?", fragte sie, als es zwei Tage später Schnitzel gab. Eins ihrer Lieblingsessen.

"Ja", sagte ich nach einer kurzen Gedankenpause, "das ist ein Stück Fleisch von einem Tier".

"Von einem echten Tier?", fragte sie. "Einem ganz echten?"

Wir nickten.

"Ist das jetzt tot?", fragte Luise weiter.

Wir bestätigten das.

"Ist das ein Kaninchen?", fragte Luise.

"Nein", sagte meine Liebste, "es ist Kalb".

"Ein Kälbchen?", fragte Luise mit großen Augen. Da sie mich ansah, war es an mir, zu erklären, wie das mit dem Mensch und den Nutztieren war, und dass Bussarde oder Löwen ja auch Fleisch äßen. Meine Liebste, sie ist bei so etwas immer sehr korrekt, fügte hinzu, dass es aber auch Menschen gebe, die der Tiere wegen ganz auf Fleisch verzichteten.

Luise legte die Gabel hin und dachte nach. Würde sich hier und jetzt entscheiden, ob unsere Tochter zur Vegetarierin wurde? Gar zur Veganerin? Aber sie überlegte etwas anderes.