Weil es wieder warm ist und die Welt wieder etwas mehr nach Raffaello-Werbung aussieht, wird man nun häufiger zu Festen eingeladen. In den Garten, Park oder auf den Balkon, wo man gemeinsam grillend und müllend den Tag versummst. Da diese Parties oft anlassgebunden sind, erhebt sich stets aufs Neue die Frage: Was schenk ich?

Man darf das nicht unterschätzen. Nichts ist entsetzlicher als ein knappes "Habichschon" oder ein aufrichtig enttäuschtes "Was soll ich damit?". Aus der Affäre ziehen sich manche mit einem an der Tanke feige erworbenen Wein, den auch Peer Steinbrück niemals anrührte, stellen ihn irgendwo ab und trinken anschließend das Bier leer. Schlimmer womöglich sind nur noch die Gäste, die einem strahlend ein Kuvert in die Hand drücken. Darin: ein Gutschein. Für Kino, Elektrofachmarkt, Apotheke (man wird ja älter) oder für ein Buch. Wie gedankenlos, wie uninspiriert.

Der Meinung sind übrigens auch Teile der deutschen Buchbranche, allerdings weniger aus schenkphilosophischen Motiven denn aus ökonomischen. Im aktuellen Band von Dagmar Hoßfelds Kinderbuchreihe Conni & Co bekommt die Heldin Conni zum 15. Geburtstag von ihrer Freundin Mandy einen Gutschein des Online-Händlers Amazon. Durch die Branchenzeitung Börsenblatt ließen Buchhändlerinnen ihren Zorn ausrichten: "Was hat sich das Carlsen-Lektorat dabei gedacht?", fragten sie und drohten, den Band Mein Leben, die Liebe und der ganze Rest nicht mehr zu verkaufen. Schließlich ist es ja die Buchambulanz Amazon, die angeblich den stationären Buchläden tägliche Nahtoderfahrungen beschert. Da ist allein die Erwähnung des Teufels mehr als nur eine werbliche Ordnungswidrigkeit.

Wir wissen allerdings noch gar nicht, wie Conni ihren Gutschein überhaupt einlösen möchte. Vielleicht hat sie ja keinen Bock auf ein Buch, sondern vielmehr auf die Neue von Justin Bieber, einen Himbeerlipgloss, eine neue Luftpumpe oder den DVD-Schuber von Stirb Langsam oder sie möchte sogar mit diesen bunten, batteriebetriebenen Plastikdingern ihre Sexualität (Liebe und den ganzen Rest) entdecken, wovon wir aber aus Gründen des Juhuhugendschutzes erstmal nicht ausgehen. Die Auflösung gibt es hoffentlich im nächsten Conni-Band, den wir, wie man sich vorstellen kann, natürlich bereits bestialisch gespannt erwarten.

Was den aktuellen angeht, so hat der Carlsen-Verlag jetzt verkündet, in der nächsten Auflage den Amazon-Gutschein durch einen Geschenkgutschein zu ersetzen. Das ändert jedoch nichts am grundlegenden, oben kurz erörterten Problem, dass ein Gutschein ja wohl das langweiligste Geschenk auf der Welt ist – zumal die jungen Leser am Wort des "Geschenkgutscheins" einzig lernen können, was eine Tautologie ist, nämlich böser Sprachquatsch. Wir wollen deswegen im Namen aller glücklichen Kindergeburtstage vorschlagen: Wenn der Verlag schon lektorierend eingreift, sollte er bitte dafür sorgen, dass die Heldin Conni ihre einfallslose Freundin Mandy (vorläufiger Lektoratsvorschlag: "die dumme Ziege") mitsamt ihrem doofen Geschenkgutschein auf den Mond schießt.