Patrick Roths Bücher handeln nicht nur von einer großen Leidenschaft für den Film; sie übersetzen diese Leidenschaft auch in eine andere, fesselnde Sprache. Noch in den reflexivsten Passagen seiner Texte hält man manchmal vor Spannung die Luft an, als würde man vor einer Leinwand sitzen und mit dem Helden mitzittern, der im Begriff ist, einen Schleier zu lüften, hinter dem etwas Unheimliches versteckt ist.

Patrick Roth stößt Türen ins Unbewusste auf. In Träumen und Filmsequenzen, in Gesten und Bewegungen entdeckt er etwas in uns selbst Verborgenes – einen Zugang zu bislang Ungedachtem, zu Höherem auch. Tatsächlich ist die transzendentale Poesie Patrick Roths zwar nicht immer frei von Pathos, aber sie ist von einer erkenntnisfördernden, intimen Kraft. Seine Literatur ist bildergesättigt und mäandernd, von einer bezwingenden sprachlichen Konsequenz, die uns selbst einen Lichtreflex in einem Film von D.W. Griffith als ein kleines Wunder ahnbar macht. Patrick Roths Texte sind reich an Epiphanien. Und sie sind so erzählt, dass wir nicht anders können als zu sehen und zu glauben.

Wer Patrick Roth liest, wird nicht nur Filme aufmerksamer schauen. Er wird vielleicht sogar den Alltag wundersamer finden, Bedeutungen entdecken, wo zuvor nur Ereignisse waren. In seinem neuen Buch – in dem auch einige ältere Texte versammelt sind – begleiten wir Roth ein weiteres Mal in sein äußeres und inneres Amerika, das vor allem ein Film-Amerika ist. Das Schöne an diesen teils autobiografischen, teils das poetologische Selbstverständnis berührenden Geschichten von Patrick Roth, ist zugleich etwas Magisches:   

In Kinosälen Film studiert

Es gibt in ihnen immer mehrere Schichten, Schichten auch des Erzählerbewusstseins, die man Satz für Satz zu durchschreiten vermag. Immer wird dabei etwas erzählt, das zunächst ganz offensichtlich scheint und dann doch nur dem nach Innen gerichteten Blick zugänglich ist. Man gerät durch diese zugleich sinnliche und analysierende Prosa in einen Sog, der sowohl unsere Fantasielust als auch unseren Geist anregt.

Mit Anfang 20 ist der gebürtige Karlsruher Patrick Roth nach Los Angeles gezogen. In den mittleren siebziger Jahren war das. Er hat Film studiert – vor allem da, wo man das tun sollte: in den Kinosälen. Er hat als Regisseur und Drehbuchautor gearbeitet, und seit mehr als 20 Jahren veröffentlicht er Prosa. Kürzere und längere Erzählungen sind entstanden, und letztes Jahr erschien der gefeierte Josef-Roman Sunrise

Filme, Träume und die Bibel – das sind die Quellen, aus denen der inzwischen in Los Angeles und Mannheim lebende Roth schöpft, aus denen er seine Mythen holt, um sie in Geschichten zu verwandeln, und die Geschichten wiederum in Mythen. Und wenn er über sein Erzählen nachdenkt, dann erzählt er ebenfalls, in einem mitreißenden Rhythmus. 

"Man sucht beim Schreiben einen Halt, nach einem Bild, in welches am geheimnisvollsten schon alles eingegraben scheint. Nach einem Bild, das langsam auszugraben, zu verstehen und so ins Licht zu rücken wäre", heißt es einmal in seinem neuen Buch. So steckt in diesen essayistischen Texten und Vorlesungen, die von der Ankunft in Los Angeles handeln, von der Bedeutung der Stimme, von der Begeisterung für Regisseure und Schauspieler, immer wieder ein Geheimnis, das erst nach und nach aufgefächert wird. Als Leser fühlt man sich dabei mehr wie in einem Film von Alfred Hitchcock als von David Lynch: Die Bilder, die Roth zu entschlüsseln sucht, führen nicht ins Irrationale, sondern ergeben Sinn. Sie sind sinnhaft, weil sie in einer Erzählung aufgehoben sind, deren Dramaturgie ein klassisches Ende vorsieht. Kein Geheimnisloses zwar, aber doch eines, das uns von Zweifeln erlöst. 

Patrick Roth ist ein freundlicher Erzähler, weil er zwar nicht an Happy Ends glaubt, aber ein unglaubliches Vertrauen in die Kraft von Bild und Wort ausstrahlt. Jeder Satz spricht davon. Man kann sich ihm anvertrauen, man ist aufgehoben in diesem bewussten und unbewussten Erzählstrom, der immer eng mit dem Leben und seinen Brüchen verbunden ist. Und wenn wir mit ihm durch den kalifornischen Regen fahren, der durch die Windschutzscheibe eines Autos für eine Filmsequenz aufgenommen wird, dann ist das selbst ein wunderbares Bild für Roths Literatur: eine Reise durchs immer wieder überraschende Amerika der Träume.