Im Streit zwischen den verfeindeten Eigentümern des Berliner Suhrkamp Verlages hat es eine überraschende Wende gegeben. Die amtierende Geschäftsführung unter Ulla Unseld-Berkéwicz entschloss sich am Montagmorgen zu einem ungewöhnlichen Befreiungsschlag, den das deutsche Insolvenzrecht seit dem vergangenen Jahr ermöglicht.

Suhrkamp beantragte beim zuständigen Amtsgericht Berlin-Charlottenburg ein sogenanntes Schutzschirmverfahren  nach § 270b Insolvenzordnung, das eine Fortführung des laufenden Geschäftsbetriebes in Eigenverantwortung vorsieht. Nach Angaben des Verlages verlieren weder Mitarbeiter- noch Autorenverträge ihre Gültigkeit.

Dieser Schritt wurde notwendig, nachdem sich der Minderheitsgesellschafter Hans Barlach im März gerichtlich die Auszahlung einer Sonderausschüttung in Höhe von 2,2 Millionen Euro erstritten hatte. Nach Ansicht der Suhrkamp-Geschäftsführung steht nun auch der von Berkéwicz kontrollierten Unseld-Familienstiftung eine ebensolche Sonderausschüttung zu. Der plötzliche Abfluss von Liquidität würde das Unternehmen jedoch in eine Zahlungsunfähigkeit bringen.

Dieses Szenario wäre im Falle eines erfolgreichen Schutzschirmverfahrens abgewendet. Das Verfahren sieht die Bestellung eines "Sachwalters" vor, der den Sanierungs- und geplanten Umstrukturierungsprozess begleitet. Für die Dauer des Verfahrens ist die Gefahr einer Zerschlagung des Unternehmens abgewendet.

Ziel ist die dauerhafte Stabilisierung und Befriedung des Verlagshauses. Für die Position des Sachwalters ist der renommierte Berliner Rechtsexperte Rolf Rattunde vorgesehen. Er wird die Geschäftsführung kontrollieren. Zum neuen Generalbevollmächtigten des Verlages wurde der Düsseldorfer Rechtsanwalt Frank Kebekus berufen.

Die ZEIT wird in ihrer am Mittwoch erscheinenden Ausgabe ausführlich über die Hintergründe der neuen Entwicklungen berichten.