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Der Vater wurde angeschwärzt. Von einem "Nichtskönner und Neider" aus dem Literatenkomitee, von einem Mann, der Zwietracht und Rassenhass sät, wo er nur kann, der Gerüchte streut über zionistisch-revolutionäre Umtriebe und dafür sorgt, dass die Ukrainer die Russen hassen und die Russen die Ukrainer hassen und alle zusammen die Juden. Der Vater jedenfalls wird vorgeladen: Der KGBler ihm gegenüber stapelt einen Haufen Papiere auf, belastendes Material, wie man glauben könnte, und stellt die Frage, was denn das Wichtigste sei in diesem Land. Der Sozialismus könnte es sein, antwortet der Vater vorsichtig, oder der Kommunismus. Oder auch "der Glaube an die lichte Zukunft". Nichts da, bescheidet ihm sein Gegenüber, "das Wichtigste in unserem Land ist die Poesie." Und dann unterhält man sich eine Stunde lang über Brecht; der KGBler erzählt, dass seine Frau kürzlich an Krebs gestorben sei und zieht am Ende sogar ein paar eigene Gedichte aus der Tasche. Der Vater soll sie lesen.

So ist die Welt, aus der Julia Kissina erzählt: Sie schwankt zwischen der Härte des sowjetischen Alltags und den Absurditäten, der Komik und auch der fragilen Schönheit, die aus der Monstrosität eines instabilen politischen Systems herauszuschälen sein könnte, wenn man denn in der Lage ist, sie zu erkennen. Julia Kissina ist unbedingt dazu in der Lage. Darum ist ihr episodisch gestalteter Roman, ihr erster, so aufregend, so irrlichternd zwischen den Wahrnehmungs- und Realitätsebenen und auch in manchen Momenten so fremd und rätselhaft.

Kissina, 1966 in Kiew geboren, hat bis 1990 in Moskau gelebt, anschließend an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert und lebt heute als Schriftstellerin, Fotografin und Aktionskünstlerin in Berlin. Ihre Bücher (in Deutschland debütierte sie 2005 mit dem Erzählungsband Vergiss Tarantino) schreibt sie nach wie vor auf Russisch, was dem Nuancenreichtum und der Ausdrucksvielfalt zugute kommt.

Langsam erodiert das ganze System

Kissina erzählt aus ihrer Kindheit und frühen Jugend in Kiew, Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre. Die Ukraine (und Kiew in deren Mitte) ist bis heute ein Sowohl-als-auch-Staat, geprägt im Westen von K.u.K-Historie, im Osten tiefsowjetisch und industriell. Juri Andruchowytsch hat in seinem Roman Zwölf Ringe ein grandioses Spiel mit den europäischen Traditionslinien seines Landes getrieben. Der Schriftsteller Serhij Zhadan ist der literarische Gegenpol, der mit den Abraumhalden der Sowjetunion eine prächtige Spielfläche für seine postmodernen Schelmenstücke gefunden hat. 

Julia Kissina taucht ein in die Zeit davor. Langsam, ganz langsam erodiert das System, überhaupt bröckelt ungemein viel, und Kissina hat ein Faible für das Nachtwandlerische, Durchscheinende, für den Verfall und dessen Reiz. Gleichzeitig aber auch beschreibt sie immer wieder mit Trauer und Wut, wie die Altstadt von Kiew brutal platt gemacht wird, wie die Bagger über die alten Häuser rollen, um Platz zu schaffen für die sozialistische Moderne mit ihren hässlichen, gigantischen Fensterflächen. Die Zukunft, der Fortschritt, die politische Utopie und die Vergangenheit; all das stößt im Jetzt der Romangegenwart immer wieder hart aufeinander.

Die Erzählerin wächst auf in einer jüdischen Intellektuellenfamilie; der Schriftsteller-Vater schreibt unter anderem kleine Stücke für den Zirkus; für eines davon wird er mit dem Staatspreis ausgezeichnet, weil es dem Zirkusfan Breschnew so gut gefiel. Die Mutter nimmt die Tochter mit auf ihre Wege zu den Geisteskranken, in die Altersheime.

Es gibt mehrere zentrale Orte in diesem Roman, das Irrenhaus ist einer davon; ein anderer die anatomische Präparatensammlung der Universität, hier nur "das Anatomische Theater" genannt. Ein Gespenstertanz also, ein Roman, in dem es von Dichtern und werdenden Dichtern wimmelt und in dem der Zustand des "Lunatismus", der Fähigkeit der Erzählerin, sich mithilfe des Mondes in eine realitätsabgewandte Parallelsphäre zu versetzen, zeitweise zum bewusstseinsprägenden (und poetologischen) Prinzip wird.

Dann aber wieder wird es sehr konkret. In einer anderen Geschichte besuchen die Erzählerin und ihre Eltern einen Onkel, der durch den Ruf, ein echter Antisowjetler zu sein, bereits in mythisches Licht getaucht ist. Als Höhepunkt des Abends kredenzt der Onkel seinen Gästen eine weiße, körnige Substanz auf einem Teller. Eine irre Droge, könnte man denken. Sie wird ausprobiert und schmeckt ziemlich vertraut. "Das ist", so flüstert der Onkel, "nationales britisches Meersalz, von schottischen Adern."  

Kurze Zeit darauf hebt der Onkel sein Glas, um auf die freien Länder und die freie Welt, allen voran Jamaika, zu trinken. Sie gingen den Onkel nicht mehr oft besuchen. Später wird er als Regimegegner verhaftet werden und sich in der Haft aufhängen. Komik und Tragik liegen bei Julia Kissina dicht beieinander.