Der Streit um den Suhrkamp Verlag ist immer auch eine rhetorische Kontroverse des zuschauenden Publikums. Es wurde über die legendäre Suhrkamp-Kultur debattiert, über ökonomische und verlegerische Vernunft, die Welt des Gedruckten und ihre Zukunft, lange auch über die dynastischen Verwerfungen im Haus des legendären Verlegers Siegfried Unseld. Die Debatten, die dem Rechtsstreit zwischen dem Minderheitsgesellschafter Hans Barlach und der Verlegerin und Mehrheitsgesellschafterin Ulla Unseld-Berkéwicz einen Sinn abringen wollten, vernebelten womöglich nur, worum es im Kern geht. Nämlich nicht um das Recht und sein Prinzip, schon gar nicht um Kultur, sondern schlicht um ein Investment.

Hans Barlach investierte, als er sich 2006 in den Suhrkamp Verlag einkaufte. Die Frage ist nun, ob er nach sieben aufreibenden Jahren mit einem Gewinn davonkommt. Die Frage ist auch, wie er sich in dieser Zeit als Unternehmer in der Suhrkamp-Gruppe verhalten hat. War er ein guter Mitverleger, ein kluger Investor? Löste er seine in vielen Interviews gegebenen Versprechungen ein, den Verlag auf Vordermann zu bringen?

Es ist Zeit für eine Bilanz. Man hätte erwartet, dass sie für den Geschäftsmann Barlach besser ausfällt. Bis vor Kurzem sah es noch nach einem ertragreichen Geschäft für ihn aus. Doch dann begab sich Suhrkamp am 27. Mai unter einen insolvenzrechtlichen Schutzschirm.

Dass der Verlag den risikoreichen Weg in ein sehr spezielles konkursrechtliches Verfahren einschlug, bedeutet nicht, dass er akut bedroht ist. Aber es ist ein Mittel, um eine bilanzielle Überschuldung zu überwinden. Eine bilanzielle Überschuldung trat ein, nachdem Barlach wichtige unternehmerische Entscheidungen blockiert und gleichzeitig die Auszahlung eines Jahresgewinns in Höhe von 2,2 Millionen Euro erstritten hatte. 

Erhält Barlach dieses Geld ausgezahlt, muss – so die Folge aus dem Urteil – auch die Familienstiftung entsprechend bedacht werden. Die Ausschüttungen auszuzahlen brächte den Verlag ins Schlingern, auch wenn das Buchgeschäft normal läuft. Mithilfe des Schutzschirms gewann Suhrkamp also Handlungsfähigkeit zurück. Allerdings markiert dies auch die Stufe der höchsten Eskalation. Barlach will Unseld-Berkéwicz mit allen Mitteln aus der Geschäftsführung verdrängen, die Verlegerin will Barlach nun endgültig loswerden.

Am Mittwoch kam der zähe Konflikt um den Suhrkamp Verlag wieder ein Stückweit in Bewegung: Hans Barlach erklärte einen Rangrücktritt seiner gerichtlicher erstrittenen Forderungen in Höhe der bereits erwähnten 2,2 Millionen Euro. Er versucht damit, die Gründe zu beseitigen, die den Verlag zwangen, sich unter den Schutzschirm zu flüchten. Das Schutzschirmverfahren, wie leicht aufzuzeigen ist, liegt nämlich nicht im Interesse des Minderheitsgesellschafters Barlach.

Er äußerte inzwischen die Erwartung, dass auch die Mehrheitsgesellschafterin des Suhrkamp Verlages, die Ulla und Siegfried Unseld Familienstiftung, ihren Anspruch auf die Gewinnausschüttungen zurückziehen solle. Damit gäbe es in der Tat keinen Anlass mehr, Suhrkamp unter Insolvenzrecht zu stellen. Doch wird die Familienstiftung ihre Forderung aller Vorrausicht nach nicht aufgeben. Der Sanierungsprozess des Unternehmens wird also fortgesetzt werden. 

Im Zuge des Schutzschirmverfahrens eröffnet sich die Möglichkeit zu einer Umwandlung des Verlags in eine Aktiengesellschaft. In einer AG aber wäre Barlachs Einfluss auf die Geschäftsführung stark eingeschränkt. Das Überschuldungsszenario sei "rechtsmissbräuchlich konstruiert", erklärte Barlach und erhob Einspruch gegen zentrale Bestandteile des Verfahrens.