Geträumt wird anderswo

In die Köpfe von Dave Eggers Figuren kann man hineinschlüpfen als wären sie Fundstücke in einem Secondhand-Laden. War es in seinem letzten Buch Bei den wilden Kerlen ein verfilztes Wolfskostüm, ist es nun das angeschwitzte, ein wenig zu enge Leinensakko des Geschäftsmannes Alan Clay. Clay ist nach KAEC gereist, einem (real existierenden) Städtebauprojekt in Saudi-Arabien. Er hofft dort einen großen Deal landen zu können, um sich von seinen Schulden und aus seinem ins Stocken geratenen Leben zu befreien. Doch niemand weiß, wann der König, vor dem er präsentieren soll, die Stadt besuchen wird. Clay ist gefangen in einer Warteschleife aus kulturellen Missverständnissen, Hitze und Bestandsaufnahmen der eigenen Mittelmäßigkeit. Dass man trotzdem bis zur letzten Seite wünscht, er möge sich aus seinem Elend herauswinden, liegt an der feinen Beobachtungsgabe und unerbittlichen Genauigkeit von Dave Eggers, der mit Ein Hologramm für den König eine Allegorie auf den Niedergang der amerikanischen Wirtschaft geschrieben hat. Und ein Manifest gegen das Verharren. (Jessica Braun)

Dave Eggers: Ein Hologramm für den König. Aus dem Englischen von  Klaus Timmermann und Ulrike Wasel. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2013. 352 Seiten, 19,99 Euro.

Originell bis zur Eskapade

Wer sich Horror in den Urlaub holen möchte, muss nicht unbedingt zum neuesten Schweden-Krimi greifen. Es reichen die 272 Seiten von Lisa Kränzlers Roman Nachhinein. Er erzählt von der Freundschaft zweier pubertierender Mädchen in Süddeutschland. Die eine wächst hinein ins Bildungsbürgertum voller Klavierstunden und Frischobst. Die andere lässt in einer zigarettenverrauchten Hölle die sexuellen Übergriffe ihres Alkoholikervaters über sich ergehen. LottaLuisaLuzia und JasminCelineJustine nennt die Autorin ihre beiden Prototypen, in deren Beziehung sich Machtansprüche und Grausamkeiten einschleichen. Kränzlers Sprache ist dabei phänomenal: niemals abgegriffen, stets hellwach und originell bis zur Eskapade. (Kaspar Heinrich)

Lisa Kränzler: Nachhinein. Verbrecher Verlag, Berlin. 300 Seiten, 22 Euro.

Ein atemlos, modernes Psychogramm

Tote Kinder. Zerstörte Existenzen. Im März 1925, nach einem beispiellosen Tornado, steht jede Familie in Marah, Illinois vor verheerenden Lücken. Bis auf Familie Graves: Großmutter, Eltern, Tochter, Söhne, Haus, Auto und Sägewerk bleiben verschont. Falling to Earth, ein straffes Debüt, beginnt als Fabel oder alttestamentarisches Gleichnis. Sobald die Graves' aber verstehen, welches Neid- und Vorwurfspotenzial ihr Überleben wecken kann, wird aus der dunklen Mär um Anstand und Verlust ein atemloses, überraschend modernes Psychogramm. Ein Dorf, in Trauer verschnürt – gegen stolze Einzelgänger, die sich selbst zerreißen. Traumatisch gut! (Stefan Mesch)

Kate Southwood: Falling to Earth. Europa Editions, New York 2013. 272 Seiten, 12.99 Euro.

Schwer, aber grandios

Ein schweres, schwarzes Buch von mehr als tausend Seiten. Ein Buch, in dem sich ein ganzes Panorama entfaltet, ein schreckliches zudem: Der US-Amerikaner William T. Vollmann erzählt in Europe Central von der großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts, dem zweiten Weltkrieg. Ein literarischer Tagebau vor dem Hintergrund des Unternehmen Barbarossa, geschildert aus kaum zählbaren Perspektiven, sowjetischen und deutschen, voller historischer Figuren. Käthe Kollwitz, Dimitri Schostakowitsch, General Wlassow und so vielen mehr. Wenn ein Buch das Wort Monolith in jüngster Zeit verdient hat, dann dieser manische, absurde, fantastisch komponierte Roman. (David Hugendick)     

William T. Vollmann: Europe Central. Aus dem Englischen von Robin Detje. Suhrkamp, Berlin 2013. 1028 Seiten, 39,95 Euro.

Sehnsucht nach Rom

Schließlich, am 27. Oktober 1786, ist es soweit: "Das Ziel meiner Wünsche hätte ich also nun erreicht; es ist mir aber heilig, und nur in den besten und ruhigsten Momenten soll sich meine Beschreibung daran wagen." Die Rede ist von Rom, und der sich so danach gesehnt hat, ist kein geringerer als der Autor des Anton Reiser, Karl Philipp Moritz. Natürlich kommt der Zeitgenosse Goethes doch nicht ans Ziel, so wenig wie es irgendeiner tut, der im Herzen ein Melancholiker ist und die Sehnsucht zum Grundprinzip der Existenz erhebt. Der Wunsch nach Erlösung und Erneuerung ist unerfüllbar – wie der immer auch sich selbst erforschende Reisende aber in die verschiedenen Schichten der Stadt und ihrer Vergangenheiten dringt, wie er eine gelungene Skizze nach der nächsten präsentiert, das ist so lesenswert wie vor 200 Jahren. Fotografien von Alexander Paul Englert, der seinen Blick an den Notizen von Moritz ausgerichtet hat, sowie ein ausführliches Nachwort von Jan Volker Röhnert ergänzen diesen bibliophil gestalteten Band. Das fast 700 Seiten umfassende Buch ist vielleicht nichts für den Reiserucksack; aber in einem stabilen Koffer sollte es Platz finden.(Ulrich Rüdenauer)

Karl Philipp Moritz: Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788. Die Andere Bibliothek, Berlin 2013. 694 Seiten. 40 Euro.

Zehnmal Neuanfang zum Mitnehmen

Der Roman Das fremde Meer treibt einem den Wunsch, zu Hause zu bleiben, gründlich aus. Heimat bedeutet hier nicht viel mehr, als stillhalten zu müssen. Hartwells Figuren aber sind getrieben, von Ungeduld, von Angst, von der Suche nach einem Menschen, der sie vom nagenden Gefühl erlöst, nicht zugehörig zu sein. In der Rahmenerzählung finden sich Jan und Marie, eine in zarten Tönen erzählte Geschichte, deren zentrale Motive die Autorin in neun Märchen wieder aufnimmt. In diesen Binnenerzählungen zerstören die Figuren ihr Ich und erschaffen sich in magischen Ritualen und Kämpfen neu. Das ist spannend, oft tragisch und nicht zuletzt herrlich konsequent.  (Dana Buchzik)

Katharina Hartwell: Das fremde Meer. Berlin Verlag 2013,  568 Seiten, 22,99 Euro.

Leuchtende Lakonie

Ein Mann folgt, von ungreifbarer Anziehung erfasst, einer Unbekannten durch die Straßen. Ein ehemaliges Liebespaar begegnet sich nach Jahren wieder und findet sich doch nicht mehr. Zaghafte Annäherung, kaum spürbares Auseinanderdriften: alles in Michelangelo Antonionis Prosaskizzen läuft auf ein Moment zu. Die Liebe oder die klaffende Lücke, wenn sie nicht (mehr) da ist. Die Ideensplitter sind unverkennbar geprägt vom filmischen Blick des Regisseurs: schmucklos, sparsam, lakonisch. Doch gerade in den Leerstellen beginnt jedes Wort, jede Geste zu flirren und zu funkeln. (Nicole Sagener)

Michelangelo Antonioni: Chronik einer Liebe, die es nie gab. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2012, 168 Seiten, 16,90 Euro.