Geträumt wird anderswo

In die Köpfe von Dave Eggers Figuren kann man hineinschlüpfen als wären sie Fundstücke in einem Secondhand-Laden. War es in seinem letzten Buch Bei den wilden Kerlen ein verfilztes Wolfskostüm, ist es nun das angeschwitzte, ein wenig zu enge Leinensakko des Geschäftsmannes Alan Clay. Clay ist nach KAEC gereist, einem (real existierenden) Städtebauprojekt in Saudi-Arabien. Er hofft dort einen großen Deal landen zu können, um sich von seinen Schulden und aus seinem ins Stocken geratenen Leben zu befreien. Doch niemand weiß, wann der König, vor dem er präsentieren soll, die Stadt besuchen wird. Clay ist gefangen in einer Warteschleife aus kulturellen Missverständnissen, Hitze und Bestandsaufnahmen der eigenen Mittelmäßigkeit. Dass man trotzdem bis zur letzten Seite wünscht, er möge sich aus seinem Elend herauswinden, liegt an der feinen Beobachtungsgabe und unerbittlichen Genauigkeit von Dave Eggers, der mit Ein Hologramm für den König eine Allegorie auf den Niedergang der amerikanischen Wirtschaft geschrieben hat. Und ein Manifest gegen das Verharren. (Jessica Braun)

Dave Eggers: Ein Hologramm für den König. Aus dem Englischen von  Klaus Timmermann und Ulrike Wasel. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2013. 352 Seiten, 19,99 Euro.

Originell bis zur Eskapade

Wer sich Horror in den Urlaub holen möchte, muss nicht unbedingt zum neuesten Schweden-Krimi greifen. Es reichen die 272 Seiten von Lisa Kränzlers Roman Nachhinein. Er erzählt von der Freundschaft zweier pubertierender Mädchen in Süddeutschland. Die eine wächst hinein ins Bildungsbürgertum voller Klavierstunden und Frischobst. Die andere lässt in einer zigarettenverrauchten Hölle die sexuellen Übergriffe ihres Alkoholikervaters über sich ergehen. LottaLuisaLuzia und JasminCelineJustine nennt die Autorin ihre beiden Prototypen, in deren Beziehung sich Machtansprüche und Grausamkeiten einschleichen. Kränzlers Sprache ist dabei phänomenal: niemals abgegriffen, stets hellwach und originell bis zur Eskapade. (Kaspar Heinrich)

Lisa Kränzler: Nachhinein. Verbrecher Verlag, Berlin. 300 Seiten, 22 Euro.

Ein atemlos, modernes Psychogramm

Tote Kinder. Zerstörte Existenzen. Im März 1925, nach einem beispiellosen Tornado, steht jede Familie in Marah, Illinois vor verheerenden Lücken. Bis auf Familie Graves: Großmutter, Eltern, Tochter, Söhne, Haus, Auto und Sägewerk bleiben verschont. Falling to Earth, ein straffes Debüt, beginnt als Fabel oder alttestamentarisches Gleichnis. Sobald die Graves' aber verstehen, welches Neid- und Vorwurfspotenzial ihr Überleben wecken kann, wird aus der dunklen Mär um Anstand und Verlust ein atemloses, überraschend modernes Psychogramm. Ein Dorf, in Trauer verschnürt – gegen stolze Einzelgänger, die sich selbst zerreißen. Traumatisch gut! (Stefan Mesch)

Kate Southwood: Falling to Earth. Europa Editions, New York 2013. 272 Seiten, 12.99 Euro.

Schwer, aber grandios

Ein schweres, schwarzes Buch von mehr als tausend Seiten. Ein Buch, in dem sich ein ganzes Panorama entfaltet, ein schreckliches zudem: Der US-Amerikaner William T. Vollmann erzählt in Europe Central von der großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts, dem zweiten Weltkrieg. Ein literarischer Tagebau vor dem Hintergrund des Unternehmen Barbarossa, geschildert aus kaum zählbaren Perspektiven, sowjetischen und deutschen, voller historischer Figuren. Käthe Kollwitz, Dimitri Schostakowitsch, General Wlassow und so vielen mehr. Wenn ein Buch das Wort Monolith in jüngster Zeit verdient hat, dann dieser manische, absurde, fantastisch komponierte Roman. (David Hugendick)     

William T. Vollmann: Europe Central. Aus dem Englischen von Robin Detje. Suhrkamp, Berlin 2013. 1028 Seiten, 39,95 Euro.

Sehnsucht nach Rom

Schließlich, am 27. Oktober 1786, ist es soweit: "Das Ziel meiner Wünsche hätte ich also nun erreicht; es ist mir aber heilig, und nur in den besten und ruhigsten Momenten soll sich meine Beschreibung daran wagen." Die Rede ist von Rom, und der sich so danach gesehnt hat, ist kein geringerer als der Autor des Anton Reiser, Karl Philipp Moritz. Natürlich kommt der Zeitgenosse Goethes doch nicht ans Ziel, so wenig wie es irgendeiner tut, der im Herzen ein Melancholiker ist und die Sehnsucht zum Grundprinzip der Existenz erhebt. Der Wunsch nach Erlösung und Erneuerung ist unerfüllbar – wie der immer auch sich selbst erforschende Reisende aber in die verschiedenen Schichten der Stadt und ihrer Vergangenheiten dringt, wie er eine gelungene Skizze nach der nächsten präsentiert, das ist so lesenswert wie vor 200 Jahren. Fotografien von Alexander Paul Englert, der seinen Blick an den Notizen von Moritz ausgerichtet hat, sowie ein ausführliches Nachwort von Jan Volker Röhnert ergänzen diesen bibliophil gestalteten Band. Das fast 700 Seiten umfassende Buch ist vielleicht nichts für den Reiserucksack; aber in einem stabilen Koffer sollte es Platz finden. (Ulrich Rüdenauer)

Karl Philipp Moritz: Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788. Die Andere Bibliothek, Berlin 2013. 694 Seiten. 40 Euro.

Zehnmal Neuanfang zum Mitnehmen

Der Roman Das fremde Meer treibt einem den Wunsch, zu Hause zu bleiben, gründlich aus. Heimat bedeutet hier nicht viel mehr, als stillhalten zu müssen. Hartwells Figuren aber sind getrieben, von Ungeduld, von Angst, von der Suche nach einem Menschen, der sie vom nagenden Gefühl erlöst, nicht zugehörig zu sein. In der Rahmenerzählung finden sich Jan und Marie, eine in zarten Tönen erzählte Geschichte, deren zentrale Motive die Autorin in neun Märchen wieder aufnimmt. In diesen Binnenerzählungen zerstören die Figuren ihr Ich und erschaffen sich in magischen Ritualen und Kämpfen neu. Das ist spannend, oft tragisch und nicht zuletzt herrlich konsequent.  (Dana Buchzik)

Katharina Hartwell: Das fremde Meer. Berlin Verlag 2013,  568 Seiten, 22,99 Euro.

Leuchtende Lakonie

Ein Mann folgt, von ungreifbarer Anziehung erfasst, einer Unbekannten durch die Straßen. Ein ehemaliges Liebespaar begegnet sich nach Jahren wieder und findet sich doch nicht mehr. Zaghafte Annäherung, kaum spürbares Auseinanderdriften: alles in Michelangelo Antonionis Prosaskizzen läuft auf ein Moment zu. Die Liebe oder die klaffende Lücke, wenn sie nicht (mehr) da ist. Die Ideensplitter sind unverkennbar geprägt vom filmischen Blick des Regisseurs: schmucklos, sparsam, lakonisch. Doch gerade in den Leerstellen beginnt jedes Wort, jede Geste zu flirren und zu funkeln. (Nicole Sagener)

Michelangelo Antonioni: Chronik einer Liebe, die es nie gab. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2012, 168 Seiten, 16,90 Euro.

Bücher von Dan Brown, Upton Sinclair, Kettly Mars, Shalom Auslander

Apokalypse!

Irgendwas ist ja immer, auch im Urlaub. Entweder die Wellen tosen zu laut, die Kinder werfen mit Sand oder die Würstchen braten allzu wohlriechend. Wer in den Ferien lesen, aber dabei durchaus ablenkbar sein will, greife zu Dan Browns Inferno. Spannend und unterhaltsam, dennoch redundant genug erzählt, dass man kurz mal das Kotelett wenden oder ein Nickerchen halten kann. Der Symbologe Robert Langdon muss diesmal tief in der italienischen Renaissance kramen, um zu verhindern, dass ein wahnsinniger Transhumanist die Menschheit mit einem Supervirus dezimiert. Dieser 682-seitige Papierziegel ist gleichsam Historienschinken und Science Fiction. Die Interessen der Weltgesundheitsorganisation kollidieren mit den Apokalypsen von Dante, Botticelli und Brunelleschi – teuflisch, düster, lebensbedrohlich und katakombenfest. Wie sagen die Gothic-Freunde immer: Sonne macht albern. (Rabea Weihser)

Dan Brown: Inferno. Gustav Lübbe Verlag, 682 Seiten, 26 Euro

Gegenaufklärung für 1 Euro

Schreibt die Gegenwartsliteratur über Deutschland, dann als Aufklärerin: Sie zeigt die Hinterbühne des "deutschen Theaters" (Benjamin von Stuckrad Barre) oder geht dahin, wo niemand hingeht, wo das wahre Deutschland ist, nach "Hardrockhausen" (Moritz von Uslar). Ulrich van Loyens Galla enthält 4 deutsche Votivbilder, die das Wunderliche dieses Landes nicht aufklären, sondern ihm gewidmet sind; und einmal mehr zeigen, dass ein Hinterblicken oder Hingehen gar nichts taugt, wo Deutschland doch nur durch den Blick ins "innere Afrika" zu sich kommt. Schön ist die Gegenaufklärung. (Philipp Goll)

Ulrich van Loyen: Galla (4 deutsche Votivbilder), illustriert von Benno Blome, Berlin 2013, 20 Seiten, 1 Euro.

Unser Schmierstoff

Geben wir es doch zu: Haben wir nicht alle in den Achtzigern vor dem Fernseher gesessen und Dallas geguckt? Und waren wir nicht hingerissen von J.R. Ewing und angewidert von seinem guten Bruder Bobby? Na also. Öl!, Upton Sinclairs erstmals 1927 erschienener und nun in einer prächtigen Neuübersetzung vorliegender Roman, spielt nicht in Texas, sondern in Kalifornien. Er macht uns bekannt mit dem Ölbaron J. Arnold Ross (haben die Dallas-Macher sich da etwa inspirieren lassen) und dessen Sohn, der nicht so recht in die Fußstapfen seines Vaters treten mag. Sinclairs exakt recherchierter Roman erzählt von Gewinnern und Verlierern, von Gier und Spekulanten und vom Öl als Schmierstoff des Kapitalismus. Glasklar und grandios zugleich. (Christoph Schröder)

Upton Sinclair: Öl!; aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Ott. Manesse Verlag, München 2013, 758 Seiten, 34,95 Euro.

Haiti vor dem Erdbeben

Diese lebendige, sprachmächtige haitianische Literatur! Aus Kettly Mars' Roman Vor dem Verdursten möchte man entsetzt fliehen, um ihn dann doch wieder nicht aus der Hand legen zu können: Fito Belmar, Architekt und Schriftsteller Mitte 50, arbeitet für eine NGO in einem haitianischen Lager für Erdbebenopfer. Zunächst will er helfen, rutscht dann aber ab in schlimmste sexuelle Ausbeutung Notleidender. Eine bestürzende Geschichte über haitianische Lebensrealitäten und über die Zerrissenheit der menschlichen Psyche. Nach Lyonel Trouillots hervorragender Gesellschaftsstudie Jahrestag über das Haiti vor dem Erdbeben ein höchst bemerkenswertes Buch aus einem Land, dessen literarische Erzählkraft ungebrochen ist. (Leonie Meyer-Krentler)

Kettly Mars: Vor dem Verdursten. Aus dem Französischen von Ingeborg Schmutte. Litradukt 2013. 12,90 Euro.

Anne Frank auf dem Dachboden

Nächtliche Geräusche vom Dachboden rauben Solomon Kugel den Schlaf. Doch als er die Ursache ergründet, ist seine Ruhe erst recht dahin. Zwischen staubigen Kartons versteckt sich eine stinkende Greisin und behauptet, Anne Frank zu sein. Ein Plot wie ein frisch gebohnertes Parkett, auf dem ein Autor eigentlich nur ausrutschen kann. Nicht so Shalom Auslander, der selbst aus einer jüdisch-orthodoxen Familie stammt. In Hoffnung. Eine Tragödie schreibt der Amerikaner furchtlos frech über die Gegenwart der Vergangenheit. Ein Buch, mit dem man leicht die Nacht zum Tage macht. Dafür sorgen schwarzer Humor, böse Bonmots und ein Protagonist, der Supermarkt-Gemüse im Garten verteilt, damit seine Mutter nicht den Glauben an ihren grünen Daumen verliert. (Carmen Eller)

Shalom Auslander: Hoffnung. Eine Tragödie. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld; Berlin Verlag 2013, 336 Seiten, 19,90 Euro.

Franzen in cool

Bonita Avenue spielt im deutsch-niederländischen Grenzgebiet Twente, Universitätsmilieu, Ruderregatten, Jazzabende, Poloshirts. Es sind versammelt: Der Familienvater Siem Sigerius, Mathematikgenie, Judoka, Rektor der Universität und angehender Bildungsminister. Seine Tochter Joni, bildschön, BWL-Studentin, Traum: Firmengründung, Börsengang, möglichst schnell reich werden. Und: Aaron, Fotograf und Freund von Joni, der glaubt, zur Familie zu gehören und sie zu verstehen. Dann explodiert eine Feuerwerksfabrik in Enschede und alte Geheimnisse zersprengen die Familie in ihre Einzelteile bis nach Santa Monica. Peter Buwalda, der aussieht wie ein Boxer, schreibt ein bisschen wie Jonathan Franzen, nur cooler. (Philip Faigle)

Peter Buwalda: Bonita Avenue. Rowohlt, Reinbek 2013. 640 Seiten, 24,95 Euro. 

Bücher von Steven Pinker, John Lancaster und Heimito von Doderer

Hoffnung auf Besserung

Leichte Sommerlektüre ist Gewalt wahrlich nicht. Das Buch hat eintausend Seiten, plus dreißig Seiten Anmerkungen und Literatur, und es behandelt sein Thema mit stellenweise recht drastischen Beschreibungen und mit langen historischen, statistischen und psychologischen Erläuterungen. Doch eine leichte Lektüre soll es auch gar nicht sein. Der amerikanische Psychologe Steven Pinker will damit nicht amüsieren, er will ein paar spannende und lesenswerte Thesen unterbreiten. Die Wichtigste: Gewalt nimmt im Lauf der Menschheitsgeschichte ab, Menschen haben also etwas richtig gemacht. Pinker belegt das mit vielen Verweisen und Zahlen und versucht, diese Dinge, die wir irgendwie richtig gemacht haben – Staaten gründen beispielsweise –, in ihrer Wirkung zu beschreiben. Das ist oft erhellend, streckenweise sogar unterhaltsam. Vor allem aber ist es eine Theorie, die angesichts von noch immer alltäglichen Kriegen und Konflikten Mut macht und Hoffnung gibt. Und spätestens damit ist es genau das richtige Buch für die Sommerferien. (Kai Biermann)

Steven Pinker: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. Fischer Verlag, Frankfurt 2012. 1216 Seiten, 12,99 Euro.

Seefahrt, nicht immer lustig

Eine junge Familie mit zwei kleinen Töchtern sollte eine Yacht von Lissabon nach Island überführen – doch als das Schiff in den Hafen von Reykjavík einläuft, fehlt von der Familie und den drei Crew-Mitgliedern jede Spur, kein Rettungsboot fehlt. So beginnt Yrsa Sigurðardóttirs sechster Krimi mit der sympathischen Anwältin Dora und ihrer bisweilen rotzfrechen Sekretärin Bella. In Todesschiff verwebt die Autorin zwei Handlungsstränge: zum einen tastet Dora sich im Rätsel um die Verschollenen mühsam voran, bis eine Leiche an Land gespült wird; zum anderen wird chronologisch die Seefahrt nacherzählt: Was wie ein entspannter Trip beginnt, wird zu einem unheimlichen Kampf ums Überleben. Geschickt spielt Yrsa Sigurðardóttir mit dem Gefühl, in einem kleinen abgeschlossenen Raum gefangen zu sein mit Leuten, denen man nicht über den Weg trauen kann. Ein packender Thriller mit subtilem Horror. (Matthias Breitinger)

Yrsa Sigurðardóttir: Todesschiff. Aus dem Isländischen von Tina Flecken.  Fischer Verlag, Frankfurt 2012. 416 Seiten, 9,99 Euro.

Mein Haben ist mein Sein

Wenig verbindet die Einwohner der Pepys Road. Das Banker-Ehepaar Yount quält die Frage, worin Mr. Younts hoffentlich sechsstelliger Jahresbonus investiert werden soll. Im Laden an der Ecke streiten sich die Brüder Kamal darüber, wie ein Muslim unter saufwütigen Briten würdevoll leben kann. Und ein paar Türen weiter pflegt Mary Howe ihre todkranke Mutter und begreift langsam, dass das Haus ihrer Kindheit mittlerweile Millionen wert ist. Doch eines Tages flattern Postkarten ohne Absender in die Briefkästen der Pepys Road, mit der Botschaft: WIR WOLLEN WAS IHR HABT. Wo Menschen leben,  die "Haben oder Sein?" für eine rein rhetorische Frage halten, kommt dieser Spruch einer Kriegserklärung gleich. John Lanchester beschreibt unaufgeregt, ironisch, witzig und präzise beobachtet, wie die Londoner Gesellschaft tickt. Wo, wenn nicht im Urlaub, läse es sich eigentlich gemütlicher über die Gier, die Träume und die Abgründe der Menschen in einer Millionenmetropole? Zu Hause käme einem die tiefere Wahrheit dieses Romans doch bloß gefährlich nah. (Maria Exner)

John Lanchester: Kapital. Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Klett Cotta, Stuttgart 2013, 682 Seiten, 24,90 Euro.

Im Auge des Drachen

Die Niedergeschlagenen und Aussortierten müssen zusammenhalten. Das hat sich Heimito von Doderer (1896-1966) wohl gedacht, als er 1936 die kleine Ritternovelle Das letzte Abenteuer schrieb. Das Schema ist bekannt: Ein Ritter macht sich auf, den Drachen im Wald zu erlegen. Besteht er den Kampf, wartet zur Belohnung eine Herzogin auf ihn. Aber diesmal ist alles anders. Nach einem Blick ins Auge des Drachen erkennt sich der Abenteurer selbst: ein ähnliches Auslaufmodell wie der Tatzlwurm! Und um die Hand der Herzogin mag er jetzt auch nicht mehr anhalten. Stattdessen ergeht er sich exzessiv in klarsichtigem Trübsinn. Das letzte Abenteuer ist ein phänomenales Nebenstück eines der ganz großen Romanciers des 20. Jahrhunderts. (Martin Brinkmann)

Heimito von Doderer: Das letzte Abenteuer. Mit einem Nachwort von Martin Mosebach. 120 Seiten. C.H.Beck, München 2013. 14,95 Euro.

Ach, Paris

Im Jahr 1965 erschien der Roman in Frankreich und nahm nicht nur Simone de Beauvoir für sich ein, die begeistert war von dem neuen Ton, in dem die junge Autorin Albertine Sarrazin von den Begrenzungen der weiblichen Existenz sprach. Tatsächlich erzählt Sarrazin ihre stark autobiografisch geprägte Geschichte der Gefängnisausreißerin Anne in einer Sprache, die zwischen großer Lässigkeit, galligem Humor und zarter Poesie hinreißend wandeln kann. Das Paris der frühen sechziger Jahre ersteht auf, in dem Anne sich durchschlägt und sich den Begrenzungen mit großem (Über-)Lebenswillen entgegenwirft. Und die Liebe zum Ganoven Julien rennt ihr das Herz ein, auch davon kann Sarrazin wunderschön erzählen. (Carola Ebeling)

Albertine Sarrazin: Astragalus. Hanser Berlin 2013. 240 Seiten, 19,90 Euro.

Auf der Erdbebenkante

Schriftsteller, die Sie nicht in Nordrhein-Westfalen vermuten würden, Folge eins: Der seit einigen Jahren in Köln lebende Amerikaner Mark von Schlegell entstammt einer berühmten Ostküsten-Künstler-Dynastie, hat bei Derrida studiert und ist Science-Fiction-Autor. Schlegell schreibt aber auch Essays, und die haben es in sich: Das deutschsprachige Dreaming the Mainstream bietet so etwas wie eine Literaturgeschichte auf der Erdbebenkante, dargeboten von einem furios unzuverlässigen Erzähler. Mit voller Konsequenz wird hier die Essayform der Literatur zugerechnet, und nicht der Literaturwissenschaft. In zwölf bizarren, gelehrten, wilden Essays fabuliert Schlegell solange über die Weltliteratur des 20. Jahrhunderts, bis nur noch eines klar ist: Diese Literatur könnten kühle Theoretiker niemals erklären, dafür braucht es Science-Fiction-Autoren.  (Florian Kessler) 

Mark von Schlegell: Dreaming the Mainstream. Aus dem Englischen von Petra Porsche. Merve Verlag, Berlin 2013. 152 Seiten, 14 Euro. 

Bücher von Nino Vetri, Viktor Pelewin, Jochen Schmidt und Luke Pearson

Parabel, zartbitter

Nino Vetri ist ein Schalk. Der sizilianische Erzähler und Musiker behauptet, schon 50 Romane geschrieben zu haben. Leider verbummelt er die Manuskripte zuverlässig im Chaos seiner Wohnung. Darum sind auf Deutsch erst zwei Romane zu haben. Der neueste heißt Lume Lume. Sein Erzähler hat eine fixe Idee: die Übersetzung seines rumänischen Lieblingsliedes. Nun lebt er zwar in Palermo, einem modernen Babylon, was Vielfalt der Sprachen und Kulturen angeht. Aber keiner seiner Nachbarn kann oder will ihm helfen. Gut für uns, denn deswegen endet seine Odyssee durch die bunte Nachbarschaft nicht so schnell. Vetri ist ein Meister der kleinen, witzigen Form. Mit Lume Lume hat dieser subversive, humorvolle Gesellschaftsbeobachter uns eine zartbittere Parabel auf die Realitäten des heutigen Zusammen- und Überlebens geschenkt. (Insa Wilke)

Nino Vetri: Lume Lume. Mit einem Vorwort von Andrea Camilleri. Aus dem Italienischen von Andreas Rostek. edition.fotoTAPETA 2013, 120 Seiten, 12,80 Euro. 

Der Grafin der Postmoderne

Ein vor der russischen Geheimpolizei fliehender Graf T. auf der Suche nach Optina Pustyn, einem Ort, von dem er nicht weiß, wo er ist und warum er ihn sucht. Und ein Geist namens Ariel, der behauptet, Graf T. sei nur eine Figur in einem Roman. Der auf die Frage, "Welches Ziel hat die Existenz?", zu Graf T. sagt: "Die Existenz, mein Herr, ist kein Kanonenschuss. Wie kommen Sie darauf, dass sie ein Ziel hat?" Victor Pelewin hat in Tolstois Alptraum wieder einmal alle Register des postmodernen Erzählens gezogen. Aber trotz aller Verspieltheit reicht die Wirklichkeit weit in das Buch. Von der "gelenkten Demokratie" Putins über die "marktgelenkte Literatur" bis eben zu Fragen wie: Wer ist der Autor, wer die Figur und wer der Leser? Ein literarisches Vexierspiel, witzig und hintergründig geschrieben. (Fokke Joel)

Victor Pelewin: Tolstois Alptraum, Luchterhand, München, 448 Seiten, 17,99 Euro.

Ein Buch ohne Bruce Willis

Tilman Rammstedts ehemaliger Bankberater ist nicht gerade ein Superheld. Das zeigt sich besonders, als er in einen Banküberfall gerät und dabei dummerweise auch noch der Täter ist. Rammstedt will dem Bankberater helfen und wendet sich an den Mann, der sich mit solchen Situationen bestens auskennt: Bruce Willis. Der soll in Rammstedts Roman die Rolle des Bankberaters übernehmen. Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters hat streng genommen keine Handlung, denn Bruce Willis hat wenig Lust, darin mitzuspielen, wie man den wunderbar durchgedrehten E-Mails des Autors an den Hollywoodstar entnehmen kann. In erster Linie testet Rammstedt in dem Buch eine absurde Erzählweise nach der anderen aus. Eine Kostprobe gibt es hier. Übrigens kommt in dem Buch auch eine Katze vor, das sollte man hier im Internet immer erwähnen. (Patrick Beuth)

Tilman Rammstedt: Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters, Dumont Buchverlag, Köln 2012, 155 Seiten, 19 Euro.

Waldmänner! Minikatzen!

Hilda zeltet gern im Regen, turnt über Bäume und hat vor niemandem Angst, aber ein Problem. Ein unsichtbares Elfenvolk versucht, Hilda und ihre Mutter aus ihrem Häuschen in den skandinavischen Bergen zu vertreiben. Und wer ist eigentlich dieser schweigende berggroße Zottelriese, der plötzlich jede Nacht vorbeikommt? Mit Hilda und der Mitternachtsriese hat der erst 26-jährige Comicautor Luke Pearson ein Meisterwerk geschaffen, das Kinder wie Erwachsene verzaubern kann. Seine Welt lebt, sie ist bevölkert von Waldmännern, Minikatzen, Riesen, Trollen, Woffeln… Man möchte sofort ein Kind zeugen, nur um ihm in sieben Jahren aus Hilda vorlesen zu können! (Michael Brake)

Luke Pearson: Hilda und der Mitternachtsriese, Reprodukt Berlin 2013, 44 Seiten, 18 Euro.

Proust im Ferienlager

Der 14-jährige Ich-Erzähler Jens verbringt einmal mehr seine Sommerferien im sächsischen Ferienlager Schneckenmühle, aber auf einmal ist alles anders, er tanzt zum ersten Mal mit einem Mädchen und mit ihm bewegen sich auch die politischen Verhältnisse in der DDR. Schmidt ist Proust-Anhänger, dieser Roman eine weitere Suche nach der verlorenen Zeit, entsprechend wird er nicht von einem straffen Plot vorangetrieben, sondern von seinem  durchaus komischen Assoziationsreichtum, seiner Beobachtungsgenauigkeit und nicht zuletzt einer flexiblen Kunstsprache, die den Bewusstseinsstand eines Adoleszenten mit all seiner emotionalen und intellektuellen Unerfahrenheit abbildet, ohne sich in infantilem Gequatsche zu verlieren. (Frank Schäfer)

Jochen Schmidt: Schneckenmühle. Langsame Runde. C.H.Beck, München 2013. 220 Seiten, 17,95 Euro.

Endlich ins Paradies

Der neunjährige David ist zu schlau für sein Alter. Er glaubt nicht an Gott und darum beschließt er, das Paradies auf Erden einfach selbst zu machen, indem er das Glück einfach umverteilt. Paradies-Werkstatt nennt er sein Projekt, bei dem ihm seine Freundin Lotta hilft, die nachts Kopfstand auf der Weide macht. Doch dann gerät alles aus den Fugen. David hat nachts viele Kilometer entfernt von zu Hause auf der Autobahn einen schweren Unfall und fällt ins Koma. Wie ist der Junge dort hingekommen? Warum trägt er Sachen, die nicht seine sind? Welche Rolle spielt der alte Philosoph Rosekast dabei, der abgeschieden im Wald lebt? Und was hat es mit den geheimnisvollen Aufzeichnungen des Neunjährigen auf sich? Paradies für alle von Antonia Michaelis ist ein wundervolles und packendes Buch. Geschrieben aus der Sicht eines Kindes, das die Gedanken eines Weisen denkt, erinnert es an Jostein Gaarders Sofies Welt.  Ein bewegendes und herzergreifendes Buch. (Tina Groll)

 Antonia Michaelis: Paradies für alle. Droemer-Knaur, München 2013. 480 Seiten, 14,99 Euro.