Unbestritten jedoch ist, dass Türkisch und Kurdisch nicht verwandt sind. Das Kurdische gehört zur Familie der indogermanischen Sprachgruppe. Türkisch zählt zu den ural-altaischen Sprachen. Kurdisch ist dem Deutschen somit näher als dem Türkischen. Nur drei Beispiele: Bruder heißt auf Kurdisch Bıra, auf Türkisch kardeş, Kartoffel heißt auf Kurdisch kartol, auf Türkisch patates. Name auf Kurdisch nav, auf Türkisch isim oder ad.

Laleş' Vision war, dass jeder kurdische Autor neben den traditionellen kurdischen Werken auch die Architektur der Weltliteratur kennen soll, um sein Werk darauf aufzubauen. Vielleicht rührt seine Leidenschaft zum Literaturkanon daher, dass sein Vater ihm alle kurdischen Klassiker aufsagen konnte. Natürlich auswendig, denn das gesamt kurdische Kulturrepertoire hat eine orale Tradition.

Laleş' Vater war mit den Dengbêj der Gegend befreundet, Sängern, die Geschichten in epischer Versform singend von Dorf zu Dorf weiter trugen. Mit diesen Geschichten wuchs Laleş auf. Daher ist er nicht nur ein Experte für das klassische Repertoire kurdischer Erzählungen, sondern auch ein exzellenter Kenner der Geschichte zur Verschriftlichung der Sprache. Denn auch das ist eine Besonderheit. Kurmanci hat keine große Schrifttradition, die Sprache wurde unabhängig voneinander auf Arabisch, Lateinisch und Kyrillisch verschriftlicht.

Armenische Kurden benutzten für Kurmanci das lateinische Alphabet, erzählt Laleş. In den Fällen, in denen ihnen die Buchstaben für verschiedene Laute unklar waren, setzten sie kyrillische Schriftzeichen ein. Im Irak, wo es keine so strikte Assimilierungspolitik wie in der Türkei gab, gab es Literatur auf Kurdisch. Einem Verleger aus der Türkei nützte das aber wenig, denn Iraker sprechen Sorani und benutzen das arabische Alphabet. 1918 gab es insgesamt gerade einmal 18 Werke, die in verschiedenen Kurmanci-Dialekten veröffentlicht wurden.

"Schuld und Sühne" übersetzt Laleş selbst

Man kann sich in den Feinheiten der kurdischen Linguistik verlieren. Laleş jedoch hat einfach angefangen, zeitgenössische türkische Autoren wie Murathan Mungan oder Sema Kaygusuz ins Kurmanci zu übersetzen. Und er bat Autoren aus dem Ausland, Literatur aus der Originalsprache ins Kurmanci zu übersetzen. Aus England, Frankreich, Schweden, Deutschland schicken die Übersetzer Werke von Marguerite Duras, Frank Kafka, William Faulkner, Stefan Zweig, William Shakespeare. Insgesamt 200 Werke der Weltliteratur sind in seinem Verlag erschienen.

Längst nicht alle Manuskripte können gedruckt werden, aus Geldmangel. Uwe Timms Am Beispiel meines Bruders  ist fertig übersetzt, allein es fehlt an Geld für Papier und Druck. Derzeit übersetzt Laleş aus dem Türkischen Schuld und Sühne von Dostojewski, weil sich trotz seiner Bemühungen kein Russe finden ließ, der Kurmanci spricht.

All dies macht er nebenberuflich, sein Geld verdient er wie alle kurdischen Künstler in Diyarbakir ausnahmslos mit etwas anderem. Er ist Geschichtslehrer, außerdem leitete er zehn Jahre das Theater Diyarbakirs. Laleş schreibt auch selbst: Gedichte, drei Bände hat er veröffentlicht.

Meine vorerst letzte Begegnung mit ihm war Mitte Juli. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, drehte ich mich noch einmal um. Er lief rastlos die Straße entlang, in der Hand einen Stoffbeutel mit einem Manuskript, das dringend lektoriert werden musste. Er lief weiter, um die Welt in seine Heimat, seine Stadt und vor allem in seine Sprache zu holen.

Diese Woche dann der Anruf: Laleş ist mit einem Leberriss ins Krankenhaus Diyarbakır eingeliefert worden, wo er notoperiert wurde. Er kämpft. Tapfer und unermüdlich, so scheint es seine Art zu sein. Meine Gedanken sind bei ihm – Geçmiş olsun, Lal!

Lal Laleş: "Matmayinen Ronyaye", Verlag Lîs Yayınevi