Ein Vergnügungspark ist ein bizarrer Ort, geschaffen, um Menschen zusammenzubringen, um gemeinsam Freude zu haben und dafür auch noch zu bezahlen. Ein Ort, der der Kontemplation und der Besinnung auf das eigene Leben so fern steht wie nichts sonst, weil es seine Aufgabe ist, abzulenken. In einem Vergnügungspark, so drückt es Bradley Easterbrook aus, "wird Spaß verkauft". Mr. Easterbrook sieht nicht nach Spaß aus, er ist knapp 90 Jahre alt, "hochgewachsen und erstaunlich dünn, ganz in schwarz gekleidet, wodurch er eher wie ein Leichenbestatter aussah als wie der Betreiber eines Vergnügungsparks. Er hatte ein langes, blasses Gesicht, das mit Beulen und Leberflecken bedeckt war. Das pechschwarze Haar, dessen Farbe mit Sicherheit aus der Flasche stammte, war aus der tief zerfurchten Stirn nach hinten gekämmt." Eine Geisterbahngestalt, und das passt.

Easterbrook ist der Besitzer des Vergnügungspark Joyland, dem Schauplatz des gleichnamigen Romans von Stephen King. Joyland ist ein mit knapp 350 Seiten für Kings Verhältnisse eher schmaler Roman; ein luftiges Sommerstück, das nicht mit dem großen Grusel operiert, sondern mit dem leisen Schrecken, der in eine Existenz eindringen kann. Ein wunderbares Buch, und es zwingt uns in eine Bewunderungshaltung gegenüber einem Autor, der mittlerweile 65 Jahre alt ist, dessen Werk so unübersehbar groß ist und der trotzdem niemals eine lieblos zusammengeschusterte, halbgare Drehbuchvorlage in Romanform auf den Markt werfen würde. Man erkennt einen Stephen King, sobald man anfängt, ihn zu lesen. Man stößt durchaus auf bekannte Motive, Personenkonstellationen und mittlerweile auch uneitle Selbstzitate. Und trotzdem fragt man hinterher verblüfft: Wie hat er denn das nun wieder hinbekommen?

Der Schauplatz des Romans ist kein strahlender Ort, kein Disneyland, sondern ein sinistres, morbides Gelände, nicht nur seines Besitzers wegen: Erstens ist Joyland, gelegen am Rande eines fiktiven Städtchens namens Heaven’s Bay an der Küste von North Carolina, von der Pleite bedroht; zweitens hat sich dort einige Jahre vor der eigentlichen Handlung ein schockierendes Verbrechen abgespielt: Eine junge Frau wurde von ihrem Freund in der Geisterbahn auf grausame Weise ermordet; der Mann konnte, obgleich diverse Kameras ihn fotografiert haben, niemals identifiziert und gefasst werden. Seitdem, so geht das Geraune, spukt es in der Geisterbahn. 

Starke Kontraste

Als Devin Jones im Juni 1973 nach Heaven’s Bay kommt, hat er ganz andere Sorgen. Devin ist der Ich-Erzähler des Romans, 21 Jahre alt; ein Student aus Neu-England, der, wie viele andere Studenten auch, während der Hochsaison als Aushilfe in Joyland arbeitet. Devin kommt mit einem gewaltigen Liebeskummer in North Carolina an; die Beziehung zu seiner College-Freundin Wendy ist ungeklärt; Devin ist in jenem Zustand zwischen der inneren Gewissheit, dass nichts mehr zu retten ist, und der trotzigen Hoffnung, die er diesem Gefühl entgegensetzt.

Gleich auf der ersten Seite erfahren wir, dass derjenige, der uns die Geschichte erzählt, ein gereifter Mann von etwas mehr als sechzig Jahren ist – der Devin der Jetztzeit; kein gebrochener, aber doch ein geprüfter Mann, der eine Krebserkrankung hinter sich hat und nun zurückblickt. Joyland lebt auch von seinen starken Kontrasten.

Da ist zum einen die laute Welt des Vergnügungsparks mit seinem Schaustellerpersonal, das King ohne Klischees in Szene setzt. Da sind die Tage im Park, in denen Devin das tut, was zu tun ist: Maschinen ölen, Hot Dogs verkaufen, nebenbei das Leben eines kleinen Mädchens retten, vor allem aber bei mehr als 40 Grad in einem nahezu luftundurchlässigen Hundekostüm auftreten und die Kinder bespaßen. "Das Fell tragen", so nennt man das hier, und Devin hat ein besonderes Talent dafür.