Tröstende Neonschilder – Seite 1

Und plötzlich, am Ende eines langen Tages auf staubigen Highways, ein lachender Kaktus mit Cowboyhut. Keine Fata Morgana, hoffentlich. Freundlich blinkend weist dieser Kaktus den Weg auf einen Parkplatz. Was wie die feierliche Begrüßung an einem Ziel nach zermürbender Reise aussieht, wird dennoch nichts weiter sein als ein Zwischenstopp, on the road im Motel. Und selten, das wissen wir seit Alfred Hitchcocks Psycho, läuft es hier so reibungslos, wie uns die auf leichtgängige Funktionalität hin erdachte Architektur verspricht. Der Horror erwartet uns noch am trivialsten aller Orte. Der französische Philosoph Bruce Bégout hat dem Motel einen Essay gewidmet: Motel. Ort ohne Eigenschaften.

Standardisierten Bauten waren einst Unterkünfte für Straßenarbeiter, die in den 1920er Jahren die amerikanischen Weiten erschlossen. Kaum verlassen, wurden sie von den ersten Pionierfamilien angesteuert. Ihre bauliche Ordnung, die sich an Tankstelle und Lagerhalle orientiert sowie ihre Bezeichnung sind untrennbar mit dem Automobil verknüpft. Motel, das bedeutet Motor und Hotel in einem. Seit jeher beherbergt es Menschen auf Durchreise, die niemandem einen Besuch abstatten, sondern vorübergehend Halt machen. Asyl moderner Nomaden, die in den standardisierten Unterkünften Schlaf suchen.

Bruce Bégout sieht im Motel mehr als ein Versatzstück des American Way of Life. In den prekären Bauwerken an der Peripherie der Städte konkretisieren sich, schreibt Bégout, "neue urbane Lebensformen, die ganz von Mobilität, Umherirren und erlebter Armut überwölbt sind."

Die Identitätslosigkeit der Motels, schreibt er, habe nicht allein Auswirkungen auf die Erfahrung des Aufenthaltes, die – kahl an Reizen – den Einkehrenden gleichsam narkotisiere. Das Franchising des Motels, das seit den 1960er Jahren überwiegt und Familienbetriebe in Ketten verwandelt, habe mithin Auswirkungen auf die Zeitwahrnehmung, da jede Form von Antizipation unterbunden würde. Wenn alles mit Ähnlichkeit geschlagen sei, formuliert Bégout im Windschatten von Horkheimers und Adornos Überlegungen zur Kulturindustrie, gebe es kein Hoffen mehr. Man wisse bereits immer, was sein werde. Nur die Neonreklame kompensiere das dem Motel spezifische Identitätsdefizit durch  eine "kommerzielle Heraldik", seien es blinkende Kakteen oder glühende Feuervögel.

Quasi-Untergrund

Eine zentrale Qualität des Motels, die seine Dialektik verrät, sieht Bégout im Versprechen an die Einkehrenden, beim Check-in einen Neuanfang in absoluter Anonymität zu begehen. Ein Ort wie eine Maske, der zu allerlei devianten Praktiken verführe. Pate steht hier natürlich Michel Foucault, dessen Überlegungen zu heterotopischen Orten auch das Motel einschlossen. Ausgesetzt und zugleich geschützt wird das Motel zur "Zone des Quasi-Untergrunds" und zum Wiedergänger seiner rational-funktionalistischen Idee, schreibt Bégout.

Das Motel ist nicht nur prädestinierter Ort für sich heimlich Liebende. Genauso finden dort finstere Gesellen Unterschlupf, um hier ihren nächsten Coup auszuhecken. Edgar Hoover, geistiger Vater des FBI, nannte die Motels in einem Artikel in The American Magazine 1940 "Hochburgen des Lasters und der Korruption", die Frieden und Sicherheit der amerikanischen Gesellschaft bedrohen. Amerikanische Schriftsteller und Filmemacher konnte dieser unheimliche Nimbus des Motels in ihrer Phantasie nur beflügeln; ihnen verdankt das Motel seine mythische Bedeutung in der amerikanischen Popkultur.

Anonymität im Motels


Bégouts Motel ist jedoch keine systematische urbanistische Studie. Auf gut 200 Seiten entfaltet sich ein phänomenologisch mäandernder Essay, der das Bild des scheinbar trivialen Motels kaleidoskopartig aufbricht. Und wie in seiner vorangegangenen Beschäftigung mit Amerika, ganz gleich ob es um Duane Hansons hyperrealistische Skulpturen geht, die Bégout als ernüchterte Protagonisten des American Dream betrachtet, oder um Las Vegas, das er in "Zeropolis" umtauft – selbstredend muss dieses Amerika gegen das alte Europa antreten. 

So unterscheide sich die Anonymität im Motel fundamental von jener Erfahrung der europäischen Großstadt. Im Gegensatz zu seinem europäischen Bruder, dem Flaneur, verliere sich der moderne Nomade nicht um den Preis des Ich, er verliert sich um den Preis des Anderen. "Ob gewollt oder nicht, wirft uns das Motel auf die schwer zu beschreibende Urerfahrung suburbaner Sozialität zurück: Vereinsamung und Gleichgültigkeit."

Das Motel ist für Bégout Symptom einer "Generalmobilmachung", die ihre Agenten in Handy, Rollkoffer und Laptop finde. Alternative und mobile Lebensformen, wie sie von Hobo-Bohème und kalifornischen Hippies erprobt wurden, sind längst anerkannt und mithin bestmögliche Weise, sich an die raum-zeitliche Elastizität der Arbeitswelt anzupassen. Wenn es eine globale Finanz- und Warenzirkulation gibt, muss der Mensch ebenso zirkulieren, schreibt Bégout. Am Beispiel des Motels lasse sich begreifen, wie "Amerika auf eigenem Grund und Boden und vor aller Augen Lebensformen entwickelt, die unseren Alltag bestimmen werden, wie es skrupellos und am lebenden Objekt mit den Technologien der Zukunft experimentiert, wie es die Sitten und Gebräuche festschreibt, die nur allzu bald die unsrigen sein werden."

Selbst wenn dies ein wenig nach den wahnbildhaften Vorstellungen jenes Amérique klingt, das französische Intellektuelle im 20. Jahrhundert wie ein Schreckgespenst heimsuchte. Doch wenn wir morgen unseren Arbeitsplatz nach Feierabend gemäß der Clean Desk Policy räumen müssen und übermorgen dann weitergezogen sein werden, kommen wir Bégouts Motel vielleicht näher, als wir wollen.