Es war eine aufgeheizte Stimmung im Saal 3805 des Berliner Landgerichts, und das lag nicht nur am Berliner Hochsommer. Die weit aufgerissenen Fenster vermochten die Gemüter kaum zu kühlen, so sehr man sich auch um sachlichen Vortrag bemühte. Der Richter unternahm auch gar keinen Versuch zur Schlichtung: Während seiner Äußerung, auch er wisse aus der Presse, dass hier ein etwas länger währender Konflikt vorliege, flog das erste Mal so etwas wie gedämpfte Heiterkeit durch den Saal. Da dauerte die Verhandlung bereits eine gute halbe Stunde an. Gestritten wurde um eine einstweilige Verfügung zur Absetzung der Geschäftsführung des Suhrkamp-Verlages.

In dem altehrwürdigen Berliner Gerichtsgebäude trafen am Donnerstagmittag zwei Parteien aufeinander, deren nicht enden wollender Krieg um die Führung eines der wichtigsten deutschen Verlage seit Jahren die deutsche Kulturöffentlichkeit beschäftigt.

Der Hamburger Investor und Minderheitsgesellschafter des Suhrkamp-Verlages Hans Barlach hatte beantragt, die Geschäftsführung des Traditionsverlages abzusetzen, bestehend aus der Vorsitzenden Ulla Unseld-Berkéwicz, Jonathan Landgrebe und Thomas Sparr. Vor dem Gericht, der Zivilkammer 95 für Handelssachen, repräsentierte Landgrebe die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung, der 61 Prozent der Anteile gehören.

Normalität im "Fall Suhrkamp"

In den vergangenen Tagen hatte sich das Blatt dramatisch gewendet: Barlach stand nicht nur vor Gericht auf schwachem Posten. Auch an einer anderen Front gerät der Investor unter Druck: Nach neuen Informationen der ZEIT werden derzeit Zahlungspflichten des Minderheitseigners in der Schweiz vollstreckt. 

Dennoch hatte er es sich nicht nehmen lassen, persönlich in Berlin zu erscheinen. Barlach saß ganz rechts außen vor dem Tisch des Vorsitzenden Richters der Kammer. Zwischen den Parteien hatten in ihren schwarzen Roben die Anwälte der Streitenden Platz genommen: normalerweise nicht das Szenario, in dem über Literatur debattiert wird, aber im "Fall Suhrkamp" inzwischen fast schon Normalität.

Dennoch war es keine normale Gerichtsverhandlung. Das Unternehmen, um das heute wieder gestritten wurde, befindet sich offiziell in der Insolvenz. Am Dienstag erst wurde vor einem Berliner Gericht ein entsprechendes Verfahren eingeleitet. Dies behindert nun Barlachs Klage gegen die geschäftsführende Verleger-Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz, mit der er schon einmal erfolgreich war. Doch das Urteil wurde nicht rechtskräftig. Nun sollte im Eilverfahren entschieden werden, ob sie doch noch abberufen würde. Ein heikler Vorgang: Das Gericht hatte auch zu berücksichtigen, ob es dem durch das Insolvenzverfahren eingeleiteten Stabilisierungsprozess des Unternehmens dienlich ist, plötzlich die Geschäftsführung abzuberufen.

Genau dagegen entschied schließlich das Gericht. Auch wenn die detaillierte Begründung am Donnerstag noch nicht vorlag, so hatte schon der Verlauf der Verhandlung deutlich gemacht, worum es dem Gericht gegangen sein mochte. Barlachs Anwalt Hubertus Leo hatte auch das Insolvenzverfahren angegriffen: Der Schutzschirm unter den sich der Verlag begeben hat, werde in der Öffentlichkeit als "cooler Schachzug" und "machiavellistischer Trick" der Verlegerin gefeiert. Tatsächlich aber handele es sich um einen "rechtsmissbräuchlichen Antrag". Die Insolvenz sei unberechtigt, und ziele darauf ab, den Mitgesellschafter zu schädigen.      

Die Insolvenz sei nicht Sache des Gerichts

Der Vorsitzende Richter Meder, flankiert von zwei Handelsrichtern, wollte dem nicht folgen. Der Verlag beantrage zum ersten Mal die Insolvenz und sei zudem nach deutschem Recht dazu verpflichtet dies zu tun, wenn er seine Rechnungen nicht mehr bezahlen könne. Nach Stand der Berichterstattung trat dieser Zustand nur ein, weil Barlach auf seiner Rendite bestand. Damit musste die Familienstiftung ebenfalls auf Auszahlungen bestehen. Fragen von Barlachs Anwalt Hubertus Leo an die Geschäftsführung nach der korrekten Taxierung des Wertes der Marke Suhrkamp liefen deshalb ins Leere. Das Berliner Gericht habe nicht die Aufgabe über die Insolvenz zu befinden, sondern lediglich über den Eilantrag auf Absetzung der Geschäftsführung. Die Entscheidung fiel offenbar leicht. Schon eine knappe Stunde nach Ende der Verhandlung lag das Ergebnis vor: Antrag abgewiesen.

Mehr als eine Niederlage für Barlach

Im Berliner Gerichtsflur äußerte sich Barlach kämpferisch. Notfalls wolle er sich durch alle Instanzen klagen. Zudem schmiedete er munter neue Pläne, wie mit Büchern mehr Geld zu verdienen sei, als Suhrkamp es bisher täte. Ob der als branchenfremd geltende Kaufmann im Hause Suhrkamp dazu noch Gelegenheit bekommen wird, ist jedoch fraglich. In einer Aktiengesellschaft hätte er weit geringeren Einfluss. An Ausstieg dächte er dennoch nicht, sagt Barlach im Gespräch. Vielmehr wolle er seinen Einfluss auch in einer Suhrkamp Verlags AG weiterhin durchsetzen.

Das Berliner Urteil ist aber nicht die einzige Niederlage für Barlach. Vor dem Schweizer Bundesgericht wird derzeit darüber verhandelt, ob Barlach seine Schulden bei dem ehemaligen Suhrkamp-Anteilseigner Andreas Reinhart bezahlen muss. Nach einer Recherche der ZEIT waren sie entstanden, als Barlach für den zahlungsunfähigen Hamburger Investor Claus Grossner eine Solidarschuld übernahm. Demnach hätte er innerhalb von zwei Jahren die Schulden begleichen müssen, doch ist dies bisher nicht geschehen. Reinhart wartet seitdem auf sein Geld.

Im Falle einer Vollstreckung eines Urteils des Handelsgerichts Zürich müsste Barlach kurzfristig eine Schuld von fünf Millionen Franken plus Zinsen seit dem Juli 2009 begleichen. In Lausanne erging am 19. Juli eine Zwischenverfügung. Wenn die endgültige Entscheidung des Schweizer Gerichts auch noch aussteht, so muss Barlach nun zahlen. Sollte er dazu nicht in der Lage sein, so könnten die Anteile womöglich wieder an den ursprünglichen Eigner Reinhart zurückfallen. Dieser Fall wäre zwar eine rein hypothetische Spekulation. Wie am Mittwoch gemeldet, hat Barlach jedoch vor wenigen Wochen seine Immobilie auf Sylt mit einer Sicherheitshypothek belastet.