"Angeblich wächst die Sentimentalität mit dem Alter", schrieb Wolfgang Herrndorf in seinem Blog Arbeit und Struktur. "Aber das ist Unsinn. Mein Blick war von Anfang an auf die Vergangenheit gerichtet… immer dachte ich zurück, und immer wollte ich Stillstand." Es ist der Blick des Schriftstellers, der sich erinnert und das Erinnerte zu erzählen versucht.

Herrndorf, 1965 in Hamburg geboren, studiert Malerei in Nürnberg und zeichnet für das Satiremagazin Titanic. Erst relativ spät, mit 37 Jahren, veröffentlicht er seinen ersten Roman In Plüschgewittern. Es ist ein wunderbar tragikomisches Buch über die Verirrungen eines Ich-Erzählers, der gerade seine Freundin verlassen hat und in Berlin der Nachwendezeit sein Leben neu ordnen will.

Der Protagonist wird von einer eigentümlichen Mischung aus Passivität und Aktivität bestimmt, die viele Herrndorfsche Figuren auszeichnet. Es sind Antihelden, die vom Zufall des Lebens hin und her geworfen werden und immer etwas Abgründiges haben.      

Wie auch in Diesseits des Van-Allen-Gürtels, der Titelgeschichte eines Bandes mit Erzählungen, mit der Herrndorf 2004 beim Ingeborg Bachmann Lesewettbewerb den Kelag-Publikumspreis gewann. Mit unterschwelligem Sadismus entzaubert der Erzähler einem ihm unsympathischen 13-jährigen Jungen dessen Traumberuf Kosmonaut. Er behauptet, die Mondlandung habe überhaupt nicht stattgefunden, sondern sei in Wirklichkeit ein in Hollywood gedrehter Film. Dass nie ein Mensch im All gewesen sein könne, wegen der hohen Radioaktivität des Van-Allen-Gürtels, der die Erde umgebe. Trotz aller Aggressivität entsteht zwischen dem Jungen und dem Erzähler so etwas wie Nähe, vielleicht sogar Freundschaft. 

Im Februar 2010 wird bei Wolfgang Herrndorf ein nicht heilbarer Gehirntumor, ein sogenanntes Glioblastom diagnostiziert. Die meisten Kranken sterben einige Monate nach der Diagnose, nur wenige überleben Jahre. 

Herrndorf beginnt, das Blog Arbeit und Struktur zu schreiben, zunächst nicht öffentlich, dann öffentlich. Und er beginnt manisch zu arbeiten. "Ich schreibe … ungefähr dreimal so schnell wie sonst und zehnmal so viel."