Als erstes stellt er seinen sechs Jahre zuvor begonnenen Jugendroman Tschick fertig, der im Herbst 2010 erscheint und ihn mit einem Schlag bekannt macht. Die Geschichte der Freundschaft zwischen dem 14-jährigen Maik und dem gleichaltrigen, aus Russland stammenden Tschick, die einen Lada klauen und damit durch die ostdeutsche Provinz fahren, ist so spannend und witzig, so überzeugend wirklichkeitsnah erzählt, dass das Buch nicht nur bei Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen ankommt. Mit Tschick gewinnt Herrndorf den Deutschen Jugendbuchpreis und landet auf der Bestsellerliste des Spiegel

Aber auch in seinem optimistischsten Roman sind Abgründe deutlich zu spüren. Abgründe, die lange vor der Krebsdiagnose vorhanden waren. "Der Jugendroman, den ich vor sechs Jahren auf Halde schrieb und an dem ich jetzt arbeite, ist voll mit Gedanken über den Tod… Aber soll ich es deswegen ändern?" 

Schreibend die Zeit anhalten

Mit dem Roman Sand, der im Herbst 2011 erschien und mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, kam das Thriller-Element hinzu. Der Roman spielt 1972, zur Zeit des Münchner Olympia-Attentats. In einem Land, das an Marokko erinnert, verliert ein Mann durch einen schweren Schlag auf den Kopf die Erinnerung an seine Identität. Sein Weltwissen ist intakt, aber er weiß nicht mehr, wie er heißt und woher er kommt. Er gerät in eine absurde Jagd nach etwas, das verschiedene Leute brennend interessiert, von dem er selbst aber keine Ahnung hat.

Herrndorf gelingt es hier, mit einem einfachen Thriller-Plot die Atmosphäre in einer arabischen Großstadt am Rande der Wüste einzufangen. Jede einzelne Figur, die er schildert, bekommt ein ganz eigenes Leben. Sand ist Herrndorfs pessimistischstes Buch, ein "Trottel-Roman", wie er selbst sagte.

Mit seinen Büchern hat Herrndorf versucht, die Zeit anzuhalten. Am Ende war für ihn das Schreiben für Arbeit und Struktur der beste Weg, der Angst vor dem Tod einen Moment lang zu entgehen. "Am besten geht’s mir, wenn ich arbeite. Ich arbeite in der Straßenbahn an den Ausdrucken, ich arbeite im Wartezimmer zur Strahlentherapie, ich arbeite die Minute, die ich in der Umkleidekabine stehen muss, mit dem Papier an der Wand. Ich versinke in der Geschichte, die ich da schreibe, wie ich mit zwölf Jahren versunken bin, wenn ich Bücher las."

Am 26. August ist Wolfgang Herrndorf in Berlin gestorben. Er wurde 48 Jahre alt.