Vor einem Umzug werfen Menschen Dinge weg. Ihre Cowboystiefel zum Beispiel. Muscheln aus dem Urlaub. Oder alte Magazine. Kurz zweifeln sie, blättern noch einmal in ihnen herum, doch das Gewicht der gesammelten Spiegel-Ausgaben aus den Jahren 1998 bis 2009 wiegt zu schwer.

Waahr, ein neues Online-Archiv für literarischen Journalismus, könnte solche Hausarchive bald überflüssig machen. Ausgedacht haben sich das Konzept Anne Waak, Joachim Bessing und Ingo Niermann. Die drei Journalisten und Schriftsteller dachten vielleicht auch an ihre eigenen weggeworfenen Magazinsammlungen. Und mehr noch an die kostenpflichtigen Archive von Magazinen und Zeitungen, die zum Teil zeitlich begrenzt sind und Geld kosten. "Wir wollen mit waahr zum einen großartige Texte für alle kostenlos zugänglich machen", sagt Anne Waak. "Zum anderen geht es darum, den Autoren-Journalismus retrospektiv und damit hoffentlich auch für die Zukunft zu stärken."  


Literarischer Journalismus, in Amerika New Journalism genannt, ist ein Schreibstil, der literarische Stilmittel verwendet und das Erlebte aus der subjektiven Perspektive des Reporters schildert. In den achtziger Jahren brachten die Gründer der Zeitschrift Tempo den New Journalism nach Deutschland und etablierten mit ihrem Pop-Intellektualismus ein junges Feuilleton.

Etwa 350 Texte von 60 Autoren sind bisher auf waahr zu finden. "In der Regel bitten wir Autoren und Autorinnen, deren Arbeit wir schätzen, uns ihre Texte zur Verfügung zu stellen", sagt Waak, die selbst als Autorin für Spex, Cicero und Die Welt schreibt. Die von der Redaktion angesprochenen Autoren treffen ihre Textauswahl dann selbst. Waak sieht das Projekt erst ganz am Anfang: "Vieles muss von uns überhaupt erst ausfindig gemacht und digitalisiert werden."  Neben der Website gibt es auch ein waahr-Blog auf der Seite des Musikmagazins Spex.  

Wer seine Texte auf waahr archivieren lassen möchte, kann sich bei den Betreibern melden: "Wir sind sehr gespannt und freuen uns über alle Vorschläge. Die Texte  können auch unveröffentlicht sein", sagt Waak. Waahr ist ein Herzensprojekt, weder die Gründer noch die angefragten Autoren verdienen Geld damit. Bislang finden sich in der Autorenliste Namen wie Jana Petersen, Marc Fischer, Ingeborg Harms und sogar Heinrich von Kleist. Von ihm entdeckt man Auszüge aus den Berliner Abendblättern im Archiv, von Marc Fischer unter anderem die Erzählung Der Briefkastenmann, in der er einen Tag lang sitzend auf einem Briefkasten verbringt.

Die literarisch-journalistischen Stücke stammen aus allen großen und vielen kleinen Zeitungen, Magazinen oder Sammelbänden. Manche der Publikationen gibt es schon lange nicht mehr. "Zeit essen Texte auf" steht in dicken Buchstaben auf der Homepage von waahr. Dieser Spruch ist zugleich Erkenntnis und Motivation für das Projekt. Der Versuch eines umfassenden Textarchivs für literarischen Journalismus ist vielleicht nur ein melancholischer Konservierungsversuch in einer Zeit, in der Geschichten wie Sushi konsumiert werden: häppchenweise und bloß nicht zu viel von einer Sorte. Waahr könnte ein Fundort für verschollene Schätze werden. Und eine Konservierungsmethode für Sushi-Röllchen.