Gute erste Sätze sind nicht unbedingt eine literaturkritische Kategorie, aber man kann sich trotzdem freuen, wenn man mal einen findet. Zum Beispiel diesen: "Zwei standen zusammen in einer Landschaft." So könnte ein Witz beginnen, von hier könnte sich auch ein Drama entfalten. Im Grunde kann danach alles passieren oder eben gar nichts. Und genau das scheint das Erzählprogramm von Tobias Prempers Buch Durch Bäume hindurch zu sein.

Es ist eine Sammlung munterer, melancholischer, weltverzweifelter, weiser, absurder und bösartiger Miniaturen, die der 1974 geborene Autor geschrieben hat und die nun im vornehmen Steidl-Verlag erschienen sind. Halbseiter, Einseiter, selten länger. Sie heißen Die Kanaille oder Der entlaubte Mann, Die alten Frauen am Fenster oder Brief an meinen Küchenstuhl und darin trifft man Idioten und Blödmänner, die sich Suppe in die Ohren löffeln und Fasane, die einen Schnürsenkel verprügeln. Es gibt Dichter, die Butterbrote ohne Rinde essen und einen Preußen, der mit einer Taschenuhr spazieren geht oder umgekehrt. So genau weiß man das nicht, macht aber nichts, denn darin liegt der Sinn dieser Texte: die Welt umzurühren, sie auf den Kopf zu stellen, ins Groteske und Widersinnige zu steigern, damit am Ende die eigene Welt wieder etwas gerader steht. Das Buch ist allein deswegen bemerkenswert, da sich kaum ein Autor heute noch an solche Texte heranwagt: Sie sind nämlich verdammt schwer zu schreiben.    

Im besten Fall können solche Vignetten wahre Erkenntnisbomben sein, in denen bisweilen mehr steckt als in 563 Romanseiten voller serienmäßig zartfühlender Gesellen. Die alten Meister dieser Form gehören heute zum Kanon der fein geschuberten Literatur: Tucholsky und Lichtenberg, Victor Aubertin und der Russe Daniil Charms, der in seiner Kürzestprosa den Alltag versteifter Sowjetoffiziere und anderer trauriger Gestalten persiflierte: "Da ging einmal ein Mann ins Büro und traf unterwegs einen anderen, der soeben ein französisches Weißbrot gekauft hatte und sich auf dem Heimweg befand. Das ist eigentlich alles."

In dieser Tradition lässt sich auch Tobias Premper lesen. Premper, in Celle geboren, nach Berlin umgezogen, hat ebenfalls eine Neigung zur fröhlichen Skurrilität, zur in Raum und Zeit unfixierten Momentaufnahme, die man nicht zu einem großem Bild zusammenfügen muss und auch gar nicht soll. Alltag, Märchen, Dialog, eine in Gold gerahmte Flüchtigkeit, deren Moral oder Sinn der Autor bisweilen provokant verweigert. Oder er knüpft ganze Sinngirlanden, um sie am Ende mit Witz zu zerreißen: "Vargas Llosa ist ein Dreck gegen Camus. Und Camus ist ein Dreck gegen Kafka. Und Kafka ist ein Dreck gegen Dostojewskij. Und Dostojewskij ist ein Dreck gegen die Apostel. Und die Apostel sind ein Dreck gegen den Steinzeitmenschen, der mit einem Stein ein Mammut erschlagen hat." Und weil der Steinzeitmensch ein Dreck gegen das Mammut sei, habe das zu Unrecht nicht den Literaturnobelpreis bekommen.  

Es ist unmöglich nachzuerzählen, was Premper alles in seinen Miniaturen veranstaltet, aber viel Können und aphoristische Verve steckt in diesen Arrangements und ein Gefühl für Pointen, die andere Autoren gar nicht erst sehen würden. Auch einen guten Kalauer weiß er zu schätzen: "Der Hund scheuchte sein Herrchen ins Wasser und befahl ihm: 'Hol das Stöckchen!' Aber da war sein Herrchen schon ertrunken." In Tobias Prempers verblüffendem Reich der Lakonie ist alles möglich.