"Building Stories" Cover © Pantheon

Building Stories erzählt aus dem Leben der Einwohner eines Hauses in Chicago: einer Dreißigjährigen auf der Suche nach einem Lebenspartner, eines Paares in der Dauerkrise und der betagten, alleinstehenden Vermieterin. Die auch für das beste Design prämierte Buchbox besteht aus vierzehn Teilen – gebundenen Büchern, großformatigen Heften und auch Daumenkino – die in keiner festen Reihenfolge gelesen werden müssen. Chris Ware ordnete die Szenerien wie architektonische Entwürfe an. Linien setzen sich über die Bildergrenzen diagonal fort, um den Zusammenhang zwischen den einzelnen Situationen spürbar zu machen. Assoziative Text- und Bildströme gruppieren sich um ein visuelles Zentrum.

Eine deutsche Ausgabe von seinem zweiten Opus Magnum wird noch auf sich warten lassen, weil sie noch mehr als sein erstes Meisterwerk eine verlegerische Herausforderung ist. Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt ist erst 2013 nach mehr als zehn Jahren Wartezeit auf Deutsch erschienen. Chris Ware zeichnet alles selbst von Hand und gebraucht allein beim Lettering ein ganzes Arsenal unterschiedlicher Schriften und Schriftarten. Eine gigantische Aufgabe.

So, wie kaum eine inhaltliche Beschreibung seiner Bücher ohne die Worte "trostlos", "düster" oder "deprimierend" auskommt, eilte Chris Ware der Ruf voraus, introvertiert und öffentlichkeitsscheu zu sein. Als er auf Initiative des Internationalen Literaturfestivals im März in Berlin war, lernte ihn das Publikum von einer anderen Seite kennen: als zurückhaltenden und bescheidenen, aber erzählfreudigen Künstler, der mit seinem trockenen Humor den Saal ein ums andere Mal zum Lachen brachte.

Leseprobe aus "Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt" © Reprodukt

Chris Ware strahlt die innere Ruhe desjenigen aus, der völlig in seiner Berufung aufgeht. Das sollte man bei Jimmy Corrigans Geschichte nicht unbedingt meinen, die im Kern auch die von Chris Ware ist. Beide müssen den größten Teil ihres Lebens ohne ihren Vater auskommen, bis er eines Tages völlig unerwartet anruft und ein Treffen vorschlägt. Chris Ware hatte als Dreißigjähriger seinen Vater noch ein einziges Mal gesehen, bevor der an einem Herzinfarkt starb. Er sagt, dass die fünf Stunden, die man braucht, um Jimmy Corrigan zu lesen, ziemlich genau der Zeit entsprechen, die er insgesamt im Gespräch mit seinem Vater verbracht hat.