Als die Nachricht von der Kapitulation der Deutschen Warschau erreichte, schreibt Marcel Reich-Ranicki in seinen Memoiren, in diesem Moment also gingen er, seine Frau und seine Kollegen in den Hof des Gebäudes, in dem sie arbeiteten. Die Männer feuerten mit ihren Pistolen einen Salutschuss in den Himmel. Doch richtig freuen konnten sich die Reich-Ranickis nicht. Erst ein paar Monate war es her, seit die Rote Armee Warschau und damit auch sie befreit hatte. "Nein, nicht Freude empfanden wir, sondern Trauer, nicht Glück, sondern Wut und Zorn. Ich blickte noch einmal nach oben und sah, dass eine Wolke aufgezogen war, dunkel und schwer. Ich spürte: Diese Wolke über uns, sie würde sich nie verziehen, sie würde bleiben, unser Leben lang."

Viele Jahre hat Marcel Reich-Ranicki der deutschen Öffentlichkeit nicht von dieser dunklen Wolke erzählt. Manche wussten zwar, dass er Überlebender des Warschauer Ghettos war, aber im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre wollten die meisten nichts von den Schrecken der unmittelbaren Vergangenheit wissen. Auch Reich-Ranicki hat sich schwer getan, im Schreiben diese dunkle Zeit wieder aufleben zu lassen. Erst im hohem Alter hat er begonnen, seine Erinnerungen zu notieren. Erinnerungen, die inzwischen zur klassischen Holocaustliteratur gehören.


Geboren wurde Marcel Reich-Ranicki 1920 in der polnischen Stadt Włocławek. Seine Mutter, eine deutsche Jüdin, verehrte die Kultur ihrer Heimat über alles und sorgte dafür, dass ihr Sohn Deutsch lernte und dass die Familie Ende der zwanziger Jahre nach Berlin zog. Hier ging der Junge zur Schule, verschlang ein Buch nach dem anderen. Hier wuchs auch der Wunsch, Literaturkritiker zu werden. Doch dem Juden verwehrte der NS-Staat nicht nur das Literaturstudium, sondern wies ihn und seine Familie, die Migranten, 1938 zusammen mit Tausenden anderer Polen aus. Es war eine der ersten großen Abschiebeaktionen der Geschichte.

Die Erfahrung eines Lebens zwischen den Kulturen und Ländern hat Marcel Reich-Ranicki geprägt wie die Zeit der Verfolgung durch die Deutschen. 1958, kurz nachdem er mit seiner Familie in die Bundesrepublik gezogen war, hatte er Günter Grass auf dessen Frage nach seiner Identität geantwortet: "Ich bin halber Pole, halber Deutscher und ganzer Jude." Aber gleich danach schreibt er in Mein Leben, dass das zwar gut klang, aber nicht stimmte: "Nie war ich ein halber Pole, nie ein halber Deutscher – und ich hatte keinen Zweifel, dass ich es nie werden würde. Ich war auch nie in meinem Leben ein ganzer Jude, ich bin es bis heute nicht."

Gegen die salbungsvollen Kritiker der Fünfziger

Vielleicht liegt in diesen Erfahrungen auch der Grund, weshalb er keine Scheu hatte, der salbungsvollen Literaturkritik der fünfziger Jahre eine Kritik entgegenzusetzen, die diesen Namen verdient. Eine Kritik, die klar und deutlich sagt, was an einem Text gut oder was schlecht ist und warum. Die die traditionelle deutsche Kritikfeindschaft, die schon Lessing beklagte, zu überwinden versucht, eine Feindschaft, die in Goebbels Verbot der Kunstkritik zugunsten einer "Kunstbetrachtung" kulminierte. Reich-Ranicki, der "wurzellose" Intellektuelle, der sich nicht allein auf eine Kultur, aber auch nicht auf die Religion seiner Eltern festlegen ließ, konnte und wollte dem etwas entgegensetzen.

Zunächst jedoch sah es nicht so aus, als ob er seinen Traum aus Berliner Tagen verwirklichen könnte, Literaturkritiker zu werden. Nach der Ausweisung 1938 lebte er mit seiner Familie in Warschau. Als 1939 die Deutschen das Land überfielen, begann die schlimmste Zeit seines Lebens. Von 1940 bis 1943 musste Reich-Ranicki und seine Familie im Warschauer Ghetto leben. Weil er so gut Deutsch sprach, wurde er im Judenrat zum Leiter der Übersetzungsabteilung ernannt. Eine Position, die ihn zunächst vor der Deportation in die Todeslager bewahrte. Im Ghetto lernte er Teofila Langnas kennen, die er im letzten Moment heiratete, um sie vor der Deportation zu schützen. Nach der Auflösung des Ghettos überlebten die Reich-Ranickis im Keller eines Setzers in Warschau.

Heimlich Ausreise in die Bundesrepublik

Kurz nachdem die Deutschen im September 1944 aus der Stadt abgerückt waren, begannen Reich-Ranicki und seine Frau aufgrund ihrer Fremdsprachenkenntnisse für die Postzensur zu arbeiten. Nach der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 wurde Marcel Reich-Ranicki Konsul der polnischen Regierung in London. Von dort aus leitete er gleichzeitig als Geheimdienstmitarbeiter Berichte über Exilpolen an die Regierung nach Warschau weiter. Harmlose Berichte, wie er in seiner Autobiografie schreibt. Als 2002 Reich-Ranickis Personalakte öffentlich zugänglich wurde, enthielt auch sie nichts, was gegen seine Darstellung sprach. Trotzdem bereute er sein Engagement für den Kommunismus. Ein verständlicher Fehler, sagte er, seien es doch die Rote Armee und die Sowjetunion gewesen, die ihn und seine Frau befreit hätten. Bereits 1950 hat ihn die polnische Arbeiterpartei, der er 1946 beigetreten war, im Zuge einer Säuberung aus ihren Reihen ausgeschlossen.

Als die Stimmung gegenüber den Juden in Polen Ende der fünfziger Jahre schlechter wurde, entschlossen sich Reich-Ranicki und seine Frau zur heimlichen Ausreise in die Bundesrepublik. 1958 übersiedelten sie mit ihrem zehnjährigen Sohn nach Frankfurt am Main. Schon in Polen hatte Reich-Ranicki mit der Arbeit als Literaturkritiker begonnen, hatte deutsche Schriftsteller während ihrer Besuche durch Warschau geführt. Er war daher in Deutschland kein Unbekannter mehr. 

Berühmt im Quartett

Seine Artikel erschienen zunächst in der Tageszeitung Die Welt. Nach Engagements als fester Literaturkritiker der ZEIT (1963-1973) und Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1973-1988) entwickelte er Ende der achtziger Jahre zusammen mit dem ZDF Das Literarische Quartett. Diese Fernsehsendung, die von 1988 bis 2001 lief, machte ihn beim Massenpublikum bekannt. Zusammen mit Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler, auf die nach einem Streit Iris Radisch folgte, war Das Literarische Quartett eine Art öffentliches Bekenntnis zur literaturkritischen Diskussion. 

Hier setzte sich Reich-Ranicki nicht nur der Kritik seiner Kollegen aus, die reichlich kam. Der sogenannte Literaturpapst beendete die Sendung auch mit einem Brecht-Zitat, das die Offenheit literaturkritischer Urteile unterstrich: "Wir sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen." Ein Zitat übrigens, mit dem er bereits in den frühen Sechzigern eine Radiosendung über Literatur beschlossen hatte, die er zusammen mit Hans Mayer moderierte.

In der Einleitung zu dem Sammelband Lauter Verrisse hat Reich-Ranicki die Unabhängigkeit der Kritik gefordert. Ohne sie seien keine unabhängigen Urteile möglich. Gleichzeitig hat er auf die Notwendigkeit eines hohen argumentativen Niveaus hingewiesen. "Ein Kritiker entscheidet von Fall zu Fall, immer wieder muss er sich bewähren, also seine Zuständigkeit beweisen, und jedes mal wächst oder schrumpft seine Autorität. Nur wenn er das Risiko seines Gewerbes ganz auf sich nimmt, wenn er tatsächlich jede neue Aufgabe als eine private und zugleich öffentliche Prüfung empfindet, nur dann kann es ihm – vielleicht! – gelingen, wenigstens einigermaßen den Ansprüchen gerecht zu werden, die sich aus seinem, sagen wir, Amt ergeben."

Für seine Verrisse gehasst

Reich-Ranicki schrieb Kritiken, die verständlich sind und deren Urteil auf Argumenten basiert. Er hat gelobt, aber er hat auch gnadenlos getadelt. Viele Autoren, darunter Peter Handke und Martin Walser, haben ihn für seine Verrisse gehasst. Martin Walser, der Meister des Missverständnisses, setzte ihm 2002 dafür in Tod eines Kritikers ein negatives Denkmal. Das Buch führte zu monatelangen Auseinandersetzungen im deutschen Feuilleton darüber, ob es antisemitisch sei oder nicht. Die Anerkennung Reich-Ranickis durch die Leser wuchs mit dem Literarischen Quartett und dann 1999 mit seiner Autobiografie Mein Leben

Als er am 27. Januar 2012 die Rede zum Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag hielt, wurde noch einmal die dunkle Wolke sichtbar, die sein Leben nach dem Holocaust begleitet hat. In einfachen Worten schilderte er den Tag, an dem deutsche SS-Männer in die Büros des Judenrates im Warschauer Ghetto einfielen und die Liquidierung des Ghettos befahlen. Ein Tag, an dem sich der Leiter des Judenrates, Adam Czerniaków, aus Verzweiflung das Leben nahm. An dem auch Reich-Ranicki klar wurde, dass sein Leben und das seiner Frau nur noch an einem seidenen Faden hingen.

Marcel Reich-Ranicki ist in das Land der Täter zurückgekehrt. Er ist zu einem der angesehensten Literaturkritiker der Nachkriegszeit geworden und hat sich wie kein anderer um die Deutlichkeit der Kritik verdient gemacht. Damit hat er der Literatur und den Lesern einen großen Dienst erwiesen. In seinem literaturkritischen Engagement hat er sich angreifbar gemacht wie selten ein Kritiker und im Widerspruch zu anderen Auffassungen die Qualität der literaturkritischen Diskussion gefördert. Am 18. September ist Marcel Reich-Ranicki im Alter von 93 Jahren gestorben.