"Kopf hoch" – so beendete er jedes Telefongespräch, abrupt, immer überraschend. "Kopf hoch", das stelle ich mir vor, würde er auch jetzt sagen. Er hat am Leben gehangen. 

Eines seiner berühmtesten Bonmots handelt davon, dass ihn am Tod vor allem der Umstand störe, dass er am darauf folgenden Montag den neuen Spiegel nicht mehr lesen könne. So wünschte er in unserer Erinnerung zu bleiben: als ein endlos neugieriger Mensch, dem Tag und dem Augenblick verschrieben, dem Neuen und dem Leben.

Mir ging es nicht anders als so vielen anderen: Ich kannte Marcel Reich-Ranicki jahrelang nur telefonisch, bevor ich ihm eines Tages im Fernsehen auf den schwarzen Ledersesseln gegenüber saß. Er rief an, beinahe zu jeder Tages- und Nachtzeit, nannte nie seinen Namen und sagte zur Begrüßung: "Was gibt es Neues?" 

Ein König in seinem Reich

Solche Gespräche dauerten oft Stunden. Er wollte alles wissen. Was man gelesen, was man geschrieben, mit wem man gesprochen und – ja, er konnte sehr direkt sein – mit wem man geschlafen habe. Diese kurzweiligen Telefonstunden mit Marcel Reich-Ranicki haben mich früh gelehrt, dass der Reich-Ranicki, den man kennt, sobald irgendwo das Rotlicht angeht, wirklich derselbe ist, der in Frankfurt in der Gustav-Freytag-Straße vor seiner Bücherwand auf dem Ledersofa sitzt und dort mit der gesamten Literaturwelt durch die Nabelschnur des Telefons verbunden ist. Der große Komödiant trat immer nur in einer einzigen Rolle auf: seiner eigenen. In ihr war er groß und absolut authentisch.

Im Literarischen Quartett erlebte ich ihn später als einen König in seinem Reich oder besser noch: als Dirigenten eines kleinen Orchesters. Wenn die Melodie zum Beginn der Sendung erklang, begann er schon zu dirigieren, die Hände zuckten, als hielten sie den Taktstock, er gab die Einsätze für die Mitspieler, winkte mit den Händen ab, wenn einer oder eine die Pointe schon verpasst hatte und besser zum Ende kommen sollte, fuchtelte in alle Richtungen, um seine Truppe einem Crescendo zuzuführen.

Seine Wirkung auf das Publikum war ihm nicht gleichgültig, aber auch nicht so wichtig, wie ihm häufig nachgesagt wurde. Viele Pressedamen und Autoren hat er damit zum Wahnsinn getrieben, dass er immer nur sich selbst und niemand anderem treu und deshalb vollkommen unberechenbar war. Nicht wenige Autoren, die sich seiner schon sicher waren, wurden verletzt oder von seiner Zuneigung überrascht. Seine unbesiegbare Radikalität und Autonomie haben mich sofort und dauerhaft für ihn eingenommen – auch wenn ich mit seinen Urteilen oft nicht einverstanden war, das gehörte dazu. Nie hätte es unter ihm die urteilslahme Kuschelkritik gegeben, die es sich nun, nach seiner Ära, gerne mal gemütlich macht.

Er hat das selbst jedenfalls so gesehen. Als ich ihn zuletzt kurz vor seinem 90. Geburtstag in der Gustav-Freytag-Straße besuchte – damals lebte seine Frau noch, saß im Nebenzimmer und zeichnete gerade ihre Pflegerin – war er deprimiert. Das Alter – er zitierte Philip Roth – sei ein Massaker. Er selbst hatte das Gefühl, dass die Zeit, in der man sich über die Frage, was der neue Walser, was der neue Grass tauge, noch bis aufs Blut streiten konnte, in der über der richtigen Interpretation eines Buches Freundschaften zerbrachen und Leidenschaften loderten, ein für allemal vorbei sei. Diese radikale Literarisierung der Republik, die ihn befeuert und die er mit geprägt hat, ist vorüber. Betrübt nahm er noch wahr, wie die Literatur von der Hauptbühne, auf der sie in der jungen Bundesrepublik spielte, wieder auf die Seitenbühne wechselte. Die Zeit der Literaturpäpste ist vorbei. Er war der letzte.