In Deutschland hat die Nachricht vom Tod des Autors Marcel Reich-Ranicki tiefe Trauer ausgelöst. Politiker und Weggefährten würdigten ihn als herausragenden Literaturkritiker. Bundespräsident Joachim Gauck erklärte: "Er, den die Deutschen einst aus ihrer Mitte vertrieben haben und vernichten wollten, besaß die Größe, ihnen nach der Barbarei neue Zugänge zu ihrer Kultur zu eröffnen." Mit Marcel Reich-Ranicki verliere die deutsche Literatur ihren leidenschaftlichsten Streiter und ihren entschiedensten Anwalt. 

Bundeskanzlerin Angela Merkel ( CDU ) sagte: "Wir verlieren in ihm einen unvergleichlichen Freund der Literatur, aber ebenso der Freiheit und der Demokratie." Sie werde "diesen leidenschaftlichen und brillanten Mann vermissen". Nicht einmal der mörderische Hass der Nazis habe ihm seine Liebe zu den deutschen Dichtern austreiben können, sagte Merkel. Man könne nur dankbar dafür sein, dass der Sohn einer jüdischen deutsch-polnischen Familie, der Verwandte in den NS-Vernichtungslagern verloren habe, sein Zuhause wieder in Deutschland gefunden und dem Land so viel gegeben habe.

Der Präsident der Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum Deutschland, Josef Haslinger , hob die Bedeutung des Autors Reich-Ranicki hervor: "Er war im Nachkriegsdeutschland eine zentrale Figur, nicht nur der Literaturkritik, sondern auch der literarischen Entwicklung des Landes", sagte der Schriftsteller. 

Der Schriftsteller und Kritiker Hellmuth Karasek würdigte seinen verstorbenen Freund als "genial".  Der Nordwest-Zeitung sagte Karasek: "Ich glaube, er war kompromisslos. Er konnte sagen: 'Dies ist ein miserables Buch, es ist einfach schlecht geschrieben. Mich interessieren Geschichten von Eskimos nicht – was sollen wir damit?'." So habe Reich-Ranicki die Sache immer auf einen sehr einfachen Punkt gebracht. "Da konnte man dann einwenden, so einfach ist das doch nicht. Aber es war letztlich doch so einfach. Das war das Geniale an ihm." Karasek gehörte zum Literarischen Quartett , der ZDF-Sendung, mit der Reich-Ranicki einem Millionenpublikum bekannt wurde.

ZDF-Intendant Thomas Bellut sagte, Reich-Ranicki sei seinem Motto "Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit der Kritiker" immer treu geblieben. "Mit seiner deutschen, polnischen und jüdischen Biografie war er auf eine ganz außerordentliche Weise mit der Geschichte und Kultur unseres Landes verbunden." Entertainer Thomas Gottschalk sagte: "Er hat für Deutschland mehr getan als die meisten Kultur-Politiker."