Albtraumhafte Zustände mit fiebrigen Visionsschüben gehören üblicherweise nicht zu den Gemütslagen, in denen sich Sachverhalte geordnet nahebringen lassen. In literarischer Hinsicht aber verhält es sich oft umgekehrt. Phantastereien zwischen Traum und Wirklichkeit versprechen hier ungleich mehr Satisfaktion als Berichte, die, sagen wir, die Wirkung von feuchten Wadenwickeln entfalten. Und manche Themenlagen sind derart irrsinnig, dass noch der wohlgeordnete Gedankengang sein Ziel verfehlt.

Hans-Christian Danys Essay Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft ist ein Dokument aus dem Reich des Irrsinns, das üblicherweise Realität genannt wird. "Wie sich die Welt da draußen nun zu organisieren begann, bewegte sich so eng entlang den literarischen Vorhersagen, die sich gerade noch so überdreht gelesen hatten, dass ich es zuerst nicht glauben konnte."

Es geht um eine Welt, deren Geburt in die späten vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts fällt. Ihr Gott ist eine Wissenschaftsinnovation, deren Ratio zunächst in einem mathematischen Modell über die Steuerung und Regulierung von komplexen Systemen besteht; ein Modell, das auf einer recht einfachen Vorstellung von Kommunikation und ihrer Verarbeitung beruht: Je mehr Information über die Vergangenheit existiert, umso genauer lassen sich die Zukunft und mögliche Ereignisse in ihr errechnen.

In Expertenkreisen, den Macy Konferenzen in New York (1946-1953), lernen Psychologen und Sozialwissenschaftler das kybernetische Denken kennen. Besonders der Begriff Feedback, für die Kybernetik zentral, belebt ihre Fantasie. In einer Übertragung auf die Gesellschaft wird das Lebewesen zu einer Maschine, der Mensch wird zu einem Thermostat. Und so wie Letzteres sich selbst qua Temperaturabgleich reguliert, und es somit niemanden mehr braucht, der die Heizung abdreht, wird diese Welt in der Theorie von unzähligen kleinen Thermostatmenschen bevölkert, die selbstständig eine gesellschaftliche Überhitzung vermeiden.

Feedback als zentrales Werkzeug

Dany verfolgt den Begriff Feedback, dessen Auftauchen im Alltag er als Symptom des Vordringens der Kybernetik betrachtet: Feedbackrunden in WG-Küchen, als Methode des Social Engineering und schließlich als Like-Button in den sozialen Netzwerken. "Das Feedback", schreibt Dany, wird "zu einem zentralen Werkzeug, mit dem zwischen Kindergarten, Schule, Arbeit und Verbrauch das Leben umfassend reguliert wird."

Während die Kybernetik als Wissenschaft Ende der siebziger Jahre aus öffentlichen Diskussionen verschwinde, seien ihre Regulierungsvisionen für ökonomische Zwecke in Dienst genommen worden, schreibt Dany. Etwa vom britischen Ökonomen Stafford Beer. Er wendete das Prinzip des Homöostaten, eine Art Gleichgewichtsautomat, auf wirtschaftliche Systeme an. Das habe Folgen auch auf die Unternehmensführung gehabt. Die sichtbare autoritäre Unternehmensführung weiche nun dem Modell der unsichtbaren Hand, die auf natürliche Selbstregulierung setzte. Nicht nur verschwinde das hierarchische Prinzip der Herrschaft – "heterarchische Kontrolle von Arbeit, Gesundheit und Moral dehnt sich in die Selbstverwaltung aus."