Eigentlich wollte Alice Munro einen Roman schreiben. "Ich habe es immer versucht", sagte sie 2003 dem Guardian. "Nach jedem Buch dachte ich, so, jetzt ist es an der Zeit, sich mit ernsthaften Dingen zu beschäftigen." Nun hat die 82-jährige kanadische Schriftstellerin den Nobelpreis für Literatur gewonnen, für ihre Kurzgeschichten.

Geboren wurde Alice Munro in Wingham, Ontario, einem kleinen Ort in der kanadischen Provinz. Ihr Vater war Pelztierfarmer und ihre Mutter Lehrerin. Bereits als Teenager hatte sie zu schreiben begonnen. Ihre erste Erzählung veröffentlichte sie 1950 als Journalismusstudentin der University of Western Ontario. Sie war zwei Mal verheiratet und hat drei Kinder. Ihre Erzählungen erschienen zunächst in Zeitschriften wie The New Yorker, The Atlantic Monthly und Mademoiselle. In Kanada erhielt sie drei Mal den wichtigsten Literaturpreis, den Governor General's Award – 1968 das erste Mal für ihr spätes Buch-Debüt, Tanz der seligen Geister. 2009 wurde ihr in London der Man Booker International Prize für ihr Gesamtwerk verliehen.

Munros Erzählungen enthalten mehr als viele lange Romane. Ihre Helden, meist sind es Heldinnen, sind in ihrer Normalität, ihrer Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen. Sie leben in der kanadischen Provinz, meist im Südwesten Ontarios, und haben auf den ersten Blick ein langweiliges Leben. Und doch gelingt es Munro, sie zu unvergesslichen Gestalten werden zu lassen. Die Dramatik dringt in einen ganz normalen Alltag ein. In der Wirklichkeit würde daraus vielleicht eine Schlagzeile, die aber – wie das mit Schlagzeilen so ist – bald wieder vergessen wäre.

Literatur - Radischs Lesetipp: "Tanz der seligen Geister" Ein großer Lesegenuß: Mit einer gnadenlosen und erhabenen Schäbigkeit lässt die kanadische Schriftstellerin Alice Munro in ihrem Buch "Tanz der seligen Geister" eine alte vergangene Zeit auferstehen. Von Iris Radisch.

Ein Beispiel für Munros große Kunst ist die Erzählung Dimension aus ihrem 2009 erschienen Band Zu viel Glück. Sie fängt harmlos an, wie so oft. Eine junge Frau, Doree, ist auf dem Weg von ihrer Arbeit als Zimmermädchen zu einer nicht genauer beschriebenen "Anstalt". Und dann ist da noch Mrs. Sands, mit der Doree, der es offensichtlich psychisch nicht gut geht, in einem professionellen Rahmen redet.

Mit dieser einfachen Konstellation von Figuren und Ereignissen zieht Munro den Leser in die Erzählung hinein. Doch selbst als der Leser die "Schlagzeile" erfährt, ist die Geschichte nicht zu Ende. Denn dass Dorees Mann, Lloyd, ihre drei Kinder umgebracht hat, als sie einen Abend mit allem überfordert die Nerven verliert und bei einer Bekannten übernachtet, ist für Doree nicht wie für viele Zeitungsleser ein Endpunkt, sondern muss für sie ein Anfang sein. Der Anfang, mit diesem Wissen zu leben, mit der Frage, wie werde ich damit fertig und vor allem – das ist dann die weitere Wendung der Geschichte – mit wem kann ich darüber sprechen? Wer versteht mich, weil er ebenfalls mit solch einem Horror fertig werden muss?