ZEIT ONLINE: Ihr neues Buch heißt Sprechen wir über Eulen – und Diabetes. Wie kamen Sie auf diesen Titel?

David Sedaris: Ich signierte gerade Bücher und eine Frau bat mich um eine Widmung für ihre Tochter. Irgendetwas mit "Explore your potential or something". Manche Leute sind sehr eigen und wollen, dass ich die Bücher mit einem Satz signiere, den ich im Leben nicht reinschreiben würde. Ich fand, ich könne ja das Wort explore übernehmen und schrieb "Let's explore diabetes with owls". Und dachte: Was für ein guter Name für ein Buch!

ZEIT ONLINE: Wie hat die Frau reagiert?

Sedaris: Leute, die exakte Vorstellungen davon haben, was ich in ihre Bücher schreiben soll, mögen solche Variation natürlich nicht. Ich nehme aber an, dass alle meine Bücher irgendwann in einem Gebrauchtwarenladen landen. Daher will ich wenigstens dafür sorgen, dass niemand mein Buch aufschlägt und dann liest: Keep laughing.

ZEIT ONLINE: Signieren Sie gerne Bücher?

Sedaris: Ich mag die Interaktion, die sich innerhalb von zwei Minuten zwischen den Leuten und mir abspielt. Vielleicht erzählen sie mir etwas Erstaunliches, das sie eigentlich gar nicht erzählen wollten. Auf meiner letzten Lesereise sagte eine Frau zu mir: "Ihretwegen habe ich heute Abend extra noch mal meinen BH angezogen." Ich fragte: "Entschuldigung, wie bitte?" Wie sich herausstellte, ziehen viele Frauen ihren BH schon im Auto auf dem Weg von der Arbeit nach Hause aus – indem sie ihn einfach durch den Ärmel ihrer Bluse ziehen. Ich fragte mich: Wie konnte ich mein Leben lang davon nichts erfahren haben?

ZEIT ONLINE: Viele Ihrer Geschichten haben Sie wirklich erlebt. Erkennen Sie bei einem Ereignis sofort die Story dahinter?

Sedaris: Manchmal ja. Als ich in Australien einen Kookaburra-Vogel fütterte, dachte ich sofort: "Das ist eine Geschichte!" Ich habe sie noch am Flughafen aufgeschrieben. Gerade arbeite ich an etwas, das mir mit 13 Jahren passierte. Vielleicht ist die Geschichte, die bis heute hängen bleibt, ein tolles Ereignis, aber das macht noch keine gute Story.

ZEIT ONLINE: Schreiben Sie Tagebuch?

Sedaris: Seit 1977. Ich schreibe jeden Tag etwas. Mittlerweile auf meinem Computer, aber ich drucke die Aufzeichnungen jedes Jahr aus. Das Ausdrucken ist für mich ein wichtiger Teil. Ich wähle eine bestimmte Papiergröße, der Seitenrand muss stimmen und dann bastle ich ein Cover und klebe Bilder ein.

ZEIT ONLINE: Machen Sie richtige Collagen?

Sedaris: Früher habe ich selbst gemalt oder irgendwo Bilder für die Cover ausgeschnitten. Mittlerweile habe ich meinen Partner Hugh dazu gebracht, mir welche zu basteln. Manchmal nehme ich auch alte Schallplattencover. Sie stehen alle zusammen in einem Schrank und manchmal greife ich blind eine Schallplatte heraus. Dann frage ich mich: "Was habe ich wohl im Jahr 1979 gemacht?" Müsste ich allerdings mehrere Stunden lang lesen, was ich 1979 so gemacht habe, würde ich wohl depressiv werden. Aber für ein paar Minuten ist es schon okay.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie aus ihrem Leben 1979 lesen, denken sie dann: "Ja, das bin ich"? Oder eher: "Wer ist bloß dieser Mensch und was tut er mit seinem Leben?"

Sedaris: 1979 war ein schwieriges Jahr. Als ich anfing zu schreiben, lief es gar nicht schlecht. Aber dann kam eine Phase, in der ich furchtbar prätentiös wurde. Ich versuchte, jemand anderes zu sein. Heute kann ich darüber nur den Kopf schütteln. Was ich damals gemacht habe, war Poesie, die von jemandem stammte, der keine Gedichte gelesen hat. Schrecklich. Man darf nicht so ernst nehmen, was man in seiner Jugend gemacht hat. Allerdings denke ich heute manchmal noch, wenn ich einen Eintrag von vor sechs Monaten lese: Ich würde sterben, wenn das je jemand liest. Zum Beispiel, wenn ich mich zwei Seiten lang über das Four Seasons Hotel beschwere. Würde ich so ein Tagebuch von jemand anderem lesen, würde ich denken: "Was für ein blödes Arschloch!"

ZEIT ONLINE: Und – haben Sie sich mittlerweile gefunden?

Sedaris: Ja, das bin schon alles ich heute. Aber das heißt nicht, dass ich diese Person mag. Würden Sie mein Tagebuch lesen, würden Sie wahrscheinlich denken: "Und Syrien? Da steht ja überhaupt nichts über Syrien drin." Ziemlich viele Seiten handeln von dem Hotelzimmer im Four Seasons. Aber es gibt nichts über Syrien.