Die Kanadierin Alice Munro wird mit dem diesjährigen Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstag bekannt. Die Jury würdigte die Schriftstellerin als "Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte".  Mit fast 40 Jahren veröffentlichte Munro 1968 ihren ersten Erzählband Tanz der seligen Geister, der gleich preisgekrönt wurde. Es folgten 12 Bände mit Kurzgeschichten und ein Roman. 

Munro gilt sie als eine der wichtigsten kanadischen Autorinnen. 2009 wurde ihr Werk mit dem renommierten Man-Booker-Preis für internationale Literatur gewürdigt. Ihre Geschichten spielen meist im ländlichen Ontario, wo die Schriftstellerin unter schwierigen Bedingungen aufwuchs.

Akademie-Sekretär Englund sagte bei der Bekanntgabe, man habe die 82-Jährige nicht erreicht und ihr eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Munro erzählte später dem kanadischen Sender CBC, ihre Tochter habe sie geweckt. "Sie rief an und sagte: 'Mama, du hast gewonnen!' Ich war ganz durcheinander und sagte: 'Was habe ich gewonnen?' Erst dann kam ich zu Sinnen." Ihre Freude sei grenzenlos, der Preis wundervoll. "Jetzt werden kanadische Autoren sicher mehr wahrgenommen", sagte Munro. Sie habe nicht gewusst, dass seit 1901 mit ihr nur 13 Frauen geehrt wurden. "Das macht mich noch glücklicher, dass ich diesen Preis bekommen habe. Für uns als Frauen."

In einem Interview mit der ZEIT 2006 erklärte Munro, warum sie das Format der Kurzgeschichte gewählt habe: Sie habe lange Zeit nur schreiben können, wenn ihre Kinder schliefen. "Ich hatte schlicht zu wenig Zeit für das Schreiben, keine Zeit für große Würfe. Zur Kurzgeschichte fand ich also aus sehr praktischen Gründen", sagte die Schriftstellerin. "Und ich glaube, es ging den meisten schreibenden Frauen meiner Generation so: Sie mussten sich ihre Zeit fürs Schreiben zusammenstehlen." 

 Susanne Mayer schrieb 2011 in der ZEIT: "In diesem kurzen Leseabenteuer kann alles passieren, Munro lockt auf ein Terrain, unter dem Unaussprechliches auf der Lauer liegt, es mögen Sehnsüchte sein, Verlockungen, die nach einer beiläufigen Berührung hochzüngeln und ein ganzes Leben verschlingen können".

Literatur - Radischs Lesetipp: "Tanz der seligen Geister" Ein großer Lesegenuß: Mit einer gnadenlosen und erhabenen Schäbigkeit lässt die kanadische Schriftstellerin Alice Munro in ihrem Buch "Tanz der seligen Geister" eine alte vergangene Zeit auferstehen. Von Iris Radisch.

Die Schwedische Akademie würdigte Munro als "Virtuosin der zeitgenössischen Novelle". Jury-Sprecher Englund sagte: "Sie kann mehr auf 30 Seiten sagen als andere Autoren auf 300."

Munro war als Favoritin für den diesjährigen Nobelpreis gehandelt worden. Auch der Japaner Haruki Murakami, die US-Amerikanerin Joyce Carol Oates, der Ungar Peter Nádas oder die weißrussische Journalistin Swetlana Alexejiwitsch waren ganz vorn auf den Listen der Buchmacher.

Im vergangenen Jahr hatte die Akademie den chinesischen Schriftsteller Mo Yan mit dem Nobelpreis geehrt. Die Entscheidung wurde infrage gestellt, Kritiker warfen Mo Yan eine zu große Nähe zur chinesischen Staatsführung vor. Außerdem wurde ihm vorgeworfen, er habe im Fall des inhaftierten chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo nicht Stellung bezogen.

Die letzten deutschsprachigen Gewinner des Literatur-Nobelpreises waren Herta Müller (2009), Elfriede Jelinek (2004) und Günter Grass (1999). 13 deutschsprachige Autoren haben bisher den Preis erhalten. Die Preisträger kommen meist aus dem europäischen Raum.

Das Preisgeld beträgt acht Millionen Schwedische Kronen (etwa 914.000 Euro). Seit 1901 ist die Auszeichnung fast jährlich vergeben worden. In diesem Jahr wird der 110. Preisträger geehrt. Der Literaturnobelpreis wird am 10. Dezember in Stockholm zusammen mit den wissenschaftlichen Nobelpreisen überreicht – am Todestag von Alfred Nobel.

Die Akademie hat bereits die diesjährigen Träger der Nobelpreise für Medizin und Physiologie, Physik und Chemie verkündet.