Mitte Oktober war es amtlich: Der belarussische Lohvinau Verlag musste schließen. Der größten und wichtigsten Plattform für belarussische Literatur in Weißrussland wurde vorgehalten, extremistische Bücher zu publizieren. Der Verlag reagierte schnell und nahm sich einen Juristen.

Als Anlass diente der Regierung der bereits 2011 zum gleichnamigen Fotowettbewerb veröffentlichte Fotoband Belarus Press Photo 2011. Abgebildet sind politische wie unpolitische Fotografien des weißrussischen Alltags: Naturaufnahmen, Soldaten, die sich die staatlichen Abendnachrichten anschauen, mit dem Diktator Lukaschenko als Porträt über dem Fernseher. Oder Aufnahmen der Proteste nach seiner Wiederwahl 2010. Mit dem Fotowettbewerb hat der Verlag nichts zu tun, er gab lediglich den Katalog heraus.

Bereits im April verbot die Regierung den legalen Verkauf des Buches. Der nun folgende Lizenzentzug trifft vor allem eine Reihe von Autoren, die in den staatlichen Medien und Staatsverlagen unerwünscht sind. Das erste Urteil wurde am 18.11. verkündet: Der Lizenzentzug sei rechtmäßig. Der Verleger, Ihar Lohvinau, will das nun anfechten.

Das Zentrum der unabhängigen Literaturszene

Lohvinau verlegt junge und eingesessene Schriftsteller, deren literarische Arbeiten sich oftmals thematisch mit dem alltäglichen Leben in Belarus beschäftigen. Das ist per se nicht politisch, kann aber von offizieller Seite als Gesellschaftskritik wahrgenommen werden. In Deutschland sind Autoren wie Valentin Akudowitsch oder Artur Klinau bekannt, deren Werke zum Teil bei Suhrkamp erscheinen. Akudowitsch veröffentlichte dieses Jahr den Essay Der Abwesenheitscode über die Schwierigkeit der belarussischen Identitätssuche. Klinaus nächster Roman sollte Ende des Jahres bei Lohvinau erscheinen, sein träumerischer Spaziergang durch Minsk, Sonnenstadt der Träume (2006), gilt bei vielen als literarischer Reiseführer durch die belarussische Hauptstadt.

Vor 13 Jahren gründete Ihar Lohvinau den Verlag, um zeitgenössische Belletristik zu publizieren, Übersetzungen ins Belarussische gibt es ebenfalls. Mit Buchhandlung, Buchklub und Café ist der Verlag in Minsk die Adresse für junge Kunst- und Kulturschaffende, um sich auszutauschen und Veranstaltungen zu organisieren. Ein Literatur- und Kulturzentrum, wie es in Deutschland nicht ungewöhnlich ist, bildet in Belarus eine Ausnahme neben den übermächtigen staatlichen Einrichtungen.

"Das Leben in Belarus mag für die Bürger schwer sein, für Literaten und Künstler ist es fantastisch: Unsere Wirklichkeit gibt so viel her", sagte Lohvinaus Art-Direktor Pawal Kaszjukewitsch noch im März auf der Leipziger Buchmesse. "Sowjetische Strukturen, eingeschränkte Freiheiten, europäische Konsumgüter. Auf der anderen Seite weiß man nie, was kommt, ein Buch darf zum Beispiel gedruckt, aber dann nicht gekauft werden." Im Rahmen des Osteuropa-Schwerpunktes Tranzyt – Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus auf der Leipziger Buchmesse, hatte die Lohvinau-Buchhandlung einen Stand direkt gegenüber der Podiumsbühne: Diskutiert wurde über Zensur, unabhängige Verlage und freie Themenwahl.