Wer in seinem Leben jemals einen Peter Kurzeck-Erkenntnismoment hatte, darf sich glücklich schätzen, denn ab diesem Augenblick beginnt die Welt sich zu verwandeln und einen ganz eigenen Tonfall anzunehmen, den von Peter Kurzeck, diesen melodiösen, leicht singenden Tonfall, bei dem sich die Stimme am Satzende hebt, um zu signalisieren, dass es noch weitergeht, dass es immer weitergeht mit dem Anschauen, Erinnern, Beschreiben.

Ich brauche nur meine i-Tunes-Bibliothek zu öffnen, um Peter Kurzeck zuhören zu können, da liegen die von ihm gesprochenen Hörbücher, nein: Hörromane, angefangen bei Stuhl, Tisch, Lampe über Ein Sommer, der bleibt, Mein wildes Herz, den zehn Stunden von Oktober und wer wir selbst sind, bis hin zu Unerwartet Marseille, dem letzten Hörbuch, das Peter Kurzeck eingesprochen hat, frei eingesprochen, ohne Skript, druckreif.

Peter Kurzeck ist tot, gestorben im Alter von 70 Jahren infolge mehrerer Schlaganfälle. Noch vor wenigen Wochen rief mich Harry Oberländer, der Leiter des Hessischen Literaturforums und ein Weggefährte Kurzecks seit den siebziger Jahren, an und sagte, der Peter liege im Krankenhaus, aber er sei optimistisch. Und ob ich nicht eine Lesung mit ihm moderieren wolle, im kommenden Februar. Der Tod von Peter Kurzeck ist das Schlimmste, was der deutschsprachigen Literatur seit vielen Jahren passiert ist.

Als ich mich zum ersten Mal mit Peter Kurzeck verabredet habe, kam er zu spät. Er hatte das sogar angekündigt. Nicht mir persönlich am Telefon, sondern in seinem seinerzeit aktuellen Roman Als Gast. Da steht auch, dass er jedes Mal, wenn er zu spät komme, beteuere, normalerweise wäre er ja pünktlich gewesen, wenn nicht...

Seinerzeit war mir noch nicht ganz bewusst, dass dieses Zuspätkommen und dieses "Wenn nicht..." eine geradezu poetologische Dimension hatten, dass die zehnminütige Verspätung eine so obligatorische wie notwendige, eine so selbstverständliche wie metaphysische gewesen ist. Denn die Zeit, die vorbeirasende, vernichtende Zeit ist es schließlich auch, gegen die Peter Kurzeck angeschrieben hat.

Die zweite Geburtsstunde

"Ich war", sagte Peter Kurzeck damals, an jenem warmen Frühlingstag, als wir auf der Fressgass zusammen einen Espresso tranken, bestimmt nicht den ersten und auch nicht den letzten seines Tages, wie wir auch aus den Büchern wissen; "ich war", sagte Peter Kurzeck also damals, "längere Zeit nicht in Frankfurt. Da brauche ich auch für die gewöhnlichen Wege etwas länger." Weil er nämlich alles genau anschauen muss, immer wieder aufs Neue anschauen muss und vor allem nachgucken muss, ob noch alles da ist. Könnte ja etwas abgeschafft, abgerissen, weggebracht, renoviert worden sein. Weg für immer, und dann hätte er es ja aufschreiben müssen, damit es bleibt, für ihn, für uns, für den Roman. Eine Lebensaufgabe.

Kurzeck wurde 1943 in Böhmen geboren; 1946 kam er mit seiner Mutter und seiner Schwester als Flüchtlingskind nach Staufenberg in Oberhessen. 1977 zog er nach Frankfurt am Main; seit den frühen neunziger Jahren lebte er überwiegend im südfranzösischen Uzès. Es gibt mehrere Entscheidungsmomente im Leben von Peter Kurzeck, und er konnte sie exakt benennen: Im August 1971 beschloss er, seine Anstellung zu kündigen und in Zukunft als freier Schriftsteller zu arbeiten. Und im März 1979 hörte er mit dem Trinken auf.

Vielleicht war das die zweite Geburtsstunde von Peter Kurzeck, dem man anhand seines Werks bei der Schriftstellerwerdung zugucken kann: Sein 1979 erschienenes Debüt Der Nußbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst trug noch deutliche Züge des Experimentellen, des Ausprobierens, des Sichfindens. Schon in dem 2007 in einer erweiterten Neuauflage erschienenen Roman Kein Frühling (ursprünglich 1987) zeichnete sich ab, dass Peter Kurzeck sich selbst und die eigene Erinnerung, das eigene Leben zum Gegenstand eines literarischen Projekts von Proust’scher Dimension machen würde.

Das alte Jahrhundert heißt der auf zwölf Bände angelegte Romanzyklus, den Kurzeck 1997 mit Übers Eis begann und der 2011 mit dem rund 1.000 Seiten starken Vorabend seinen, wie man glauben durfte, vorläufigen Höhepunkt fand. Heute wissen wir, dass der Vorabend, der fünfte Band, ein Endpunkt ist.

Peter Kurzeck, das sind drei Schriftsteller. Kurzeck, der Chronist. Kurzeck, der Zauberer. Und Kurzeck, der Gegenwartsautor.

Der Chronist: Man findet kaum einen Autor, der so präzise und besessen, so plastisch wie detailreich ein Bild der Epoche entwirft, in der seine Romane spielen. Das gilt für das Frankfurt der frühen achtziger Jahre, in der der Zyklus Das alte Jahrhundert seine erzählerische Basis hat; eine Basis, von der aus der Erzähler Peter Kurzeck ab- und ausschweift in Zeit und Raum. In den Dingen, in den Orten, in den Menschen erspürt man hier den Geist der jeweiligen Ära: Die Unruhe und die alternativen Milieus der Post-Spontibewegung, politisch und gesellschaftlich verdächtig, schräg angesehen. Vor allem aber die Nachkriegszeit als Sehrnahaufnahme.