Der Zeitungshinweis auf eine vor langer Zeit als verschwunden gemeldete junge Frau, ein scheinbar achtlos in einem Hotelzimmer zurückgelassener Lederkoffer oder eine Handvoll plötzlich aufgetauchter Schwarzweiß-Fotos: nur scheinbar unbedeutende Details, an denen sich regelmäßig das flirrend in die Vergangenheit zurückdrängende Erzählen des Franzosen Patrick Modiano entzündet.

Für die hiesigen Leser im Jahr 1985 von Peter Handke entdeckt, gilt der 1945 im Pariser Vorort Boulogne-Billancourt geborene Modiano als der Spuren- und Fährtenleser unter Frankreichs bedeutenden Erzählern der Gegenwart. Genau betrachtet sind die wiederkehrenden literarischen Tauchfahrten dieses Autors durch sein mit Worten erinnertes Paris der vierziger und fünfziger Jahre nichts anderes als poetische Beschwörungen jener längst versunkenen Nachkriegsära an der Seine, als Größen wie Edith Piaf, Jean Gabin oder Charles Aznavour erstmals die Bühne betraten, Schwarzhandel blühte und die Träume noch in Schwarzweiß auf Fotopapier gebannt wurden.

Zudem versetzt uns der 1988 mit dem Prix Goncourt bedachte Modiano regelmäßig in ein Klima der Unsicherheit, des Rätsels und des Ungefähren. Dabei macht er uns wiederkehrend zu staunenden Zeugen der nicht selten Jahrzehnte weit in die Geschichte zurückreichenden Tast- und Aufklärungsversuche seiner Figuren. Das Resultat sind kunstvoll inszenierte Rätselspiele, die sich mal als roman noir erweisen, mal als finster-poetischer Fiebertraum.

Auf der Flucht vor der Vergangenheit

Auch Modianos neuer, abermals wunderbar schwebend leichter Kurzroman Der Horizont oszilliert zwischen diesen Polen. Entrollt wird die kurze Geschichte zweier gefährdeter Seelen, die sich finden, um ihre Einsamkeit in den vier Wänden einer Auteuiler Mansarde zu teilen: hier die rätselhafte Margaret le Coz, die im Büro einer dubiosen Firma namens "Richelieu Interim" an den Machenschaften eines Unternehmens teilhat, das ins Visier seiner undurchsichtigen Interessen geratene Personen überwacht; dort der an der Schwelle zur Schriftstellerexistenz stehende Jean Bosmans, der auf der Flucht vor seiner Mutter ist und in sein schwarzes Notizbuch Anfänge eines "Romans schreibt, in einer Schrift, die viel gedrängter war als seine übliche". Zwei versprengte Seelen, die ihre Haltlosigkeit teilen. 

Margarete ist auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit und einem Mann, "ein Dunkelhaariger, um die Dreißig, ziemlich groß, hageres Gesicht", und hat sich unter falschem Namen eine Bleibe an den Rändern von Paris gesucht; ihr gegenüber der das alle nachzeichnende Ich-Erzähler, der später, wenn seine Episode mit der ungreifbaren Margarete Le Coz Geschichte sein wird, in seinem schwarzen Notizbuch dazu festhalten wird: "Damals, das Gefühl, mit Margarete in der Menge verloren zu sein." Und so stehen über all den kleinen Nuancen der Verlorenheit die beiden Fragen: "Wie sollte man eine Margaret Le Coz aufspüren? Wie einen Jean Bosmans?" So üben sich Modianos Figuren in immer neuen Exerzitien der Selbstverbergung, bis es sie von einander wegwirbelt wie die braunen Blätter auf den staubigen Gehsteigen von Auteuil, über die eine Zeitlang ihrer beider Wege führten.

So bleibt bis zuletzt alles in der Schwebe, in bewusst inszenierter poetischer Unschärfe. Modiano arrangiert seine Geschichte als glänzendes Porträt zweier rückwärtsgewandter Menschen, die nicht loskommen von der Macht des Vergangenen. Und so füttert er uns Zug um Zug mit Bruchstücken ihrer Legenden – hier eine Andeutung, dort eine poetische Ahnung. Bis Margaret Le Coz plötzlich aus dem Gesamtbild heraustritt und Modiano uns ebenso wie seinen Ich-Erzähler mit einem Bündel ungeklärter Fragen zurücklässt. Was bleibt, ist der Zauber ungelöster Rätsel.

"Man braucht nur auf dem Weg zu bleiben, und nichts wird sich je verändern", heißt es in Modianos Erzählung Ruinenblüten, so wie sich auch seine über die Jahre erschienenen Romane bei genauer Betrachtung im Kern gleichen: sein früher, 1994 von Patrice Leconte unter dem Titel Das Parfum von Yvonne verfilmter Roman Villa Triste, seine sommerlich leichte Fluchtgeschichte Hochzeitsreise, die Beschwörung Im Vorraum der Kindheit oder seine späteren Geschichten um verlorene Leben, Lieben, Bilder oder Gedanken, Sonntage im August oder Dora Bruder.

Patrick Modiano entwirft literarische Puzzles, in denen nichts so ist, wie es uns erscheint, die uns aus den Filmklassikern der Nouvelle Vague vertraut erscheinen und die allesamt der Idee folgen, dass die Wiederholung des Verpassten und Vergangenen sehr wohl möglich ist – und sei es auch nur in Worten geträumt. Von dieser wunderbaren Illusion handelt auch sein neues kleines Meisterwerk.