"Mit ihrer Prosa war der brutale Engel des ewigen Durcheinanders herabgestiegen", schrieb Peter Nadas in seinem Nachwort zum ersten Prosa-Buch der ungarischen Dichterin Krisztina Tóth. Mit seiner Hochachtung war er nicht allein: Strichcode wurde 2006 mit dem renommierten Sandor-Marai-Preis ausgezeichnet.

Gegen den Novellen-Zyklus Pixel wirkt das Debüt aber geradezu schlaff. Das mag auch an der lakonischen Übersetzung dieser Geschichten von Einsamkeit, Gewalt und Liebe liegen, die im Herbst im Wiener Nischen Verlag erschienen ist und diesmal von György Buda übernommen wurde. Pixel ist eine Entdeckung. Die Verbindung von Konzeptkunst, traditionellen Stoffen und einer so unzuverlässigen Erzählerin wirkt eigenwillig. War Tóths Strukturprinzip in Strichcode die Linie, ist es nun der Körper. textkörper lautet der Untertitel und benennt damit auf mehrfache Weise das Erzählprinzip der 1967 in Budapest geborenen Autorin, die in ihrer Jugend Bildhauerei lernte, was offenkundig ihren Sinn für Strukturen, Perspektiven und Körperlichkeit formte.

Den dreißig Novellen des Bandes sind dreißig Körperteile zugeordnet. Sie gehören zu unterschiedlichen Personen und liefern zwar in der Art eines Suchbildes den Fluchtpunkt für die einzelnen Geschichten und außerdem ein übergeordnetes Organisationsprinzip, stehen aber keineswegs konsequent im Zentrum der Novellen. So kommt man von der Geschichte der Hand eines jüdischen Kindes über die Geschichte der Scheide einer jungen Frau, die Jahrzehnte nach dem (wahrscheinlichen) Tod des Kindes (vermutlich) von ihrem Liebhaber verlassen werden wird, zur Geschichte der Nase eines Nachtwächters. Und so wie unsere eigene Hand nichts von unserer Nase weiß und doch einen Zusammenhang mit ihr bildet, so merken auch Krisztina Tóths Figuren nicht, wenn sich ihre Schicksalsfäden beiläufig berühren oder gar kreuzen.

Sprunghafte Wechsel der Orte und Zeiten

Wir Leser sind diejenigen, die Abstand nehmen können und für die sich die Pixel zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Die Lehrerin mit den weinroten Haaren, an denen man sie viel später einmal wiedererkennen wird, weiß in der Geschichte der Füße hingegen nicht, dass die Krücke, die ihr im Laufe eines Tages dreimal begegnet, immer dieselbe ist und mit jedem neuen Besitzer eine andere Bestimmung erfährt, aber auch andere Geschichten an sich bindet.

Würden wir den Dingen mehr Aufmerksamkeit schenken, stünde es auch um uns Menschen besser, lautet einer der vielen Subtexte dieses Buches. Der Atem stockt dem Leser schon nach den ersten Sätzen, die eine gepolsterte Hand mit kurzen Fingern und abgekauten Nägeln beschreiben. Verbotenerweise malt sie mit einem Stück Schneiderkreide Kreise auf die Platte eines Wohnzimmertisches. Die Hand gehört dem sechsjährigen Dawid, der "die Kreise spiralig gewunden zeichnet" und sich vorstellt, "die Linien würden sich aufeinanderlegen und sich irgendwann einmal aus der Tischplatte erheben, wie eine Springfeder, wenn er nur unendlich lange seine Kreise zöge".

Die harmlose, rührende Szene währt nur kurz, so viel sei gesagt. Tóth skizziert hier einen jener Zeitpunkte, an denen das "Schicksal, noch ein letztes Mal, mehrere mögliche Geschichten angeboten hatte. Und die Wirklichkeit zeigte auf die allerschlimmste". Tóths Erzählerin kommentiert kaltblütig: "Sei’s drum, wir wollen weiterkommen, entscheiden wir uns für diese hier. Immer ist es die schlimmste Geschichte, die zur Gegenwart wird, und das ist immer erst nachträglich zu sehen."

Pixel ist ein Buch der beabsichtigten Widersprüche: Die Ordnung der Struktur steht im Gegensatz zur Unordnung der Erzählerin. Mehrmals gibt sie zu, nicht Herrin ihrer Geschichten zu sein, die sich ständig verwandeln. Sprunghaft wechseln Personen, Orte und Zeiten: "Die Erzählerin kann von ihrem Weg abgebracht werden, das Schicksal nie", heißt es. Der gnadenlose Blick auf dieses Schicksal der Menschen im 20. Jahrhundert lässt einen schaudern und entwickelt dann wieder eine Güte, die ebenso fassungslos macht. Zum Beispiel, wenn den Lesern ein Roma-Junge vorgestellt wird, der sich einen Glücksraum eingerichtet hat in einem alles andere als zärtlichen Leben.

So dreht und kombiniert Tóth ihren magischen Würfel und entwirft ein Weltenbild, in das die Menschen wie in die Weiten von Breughels indifferenten Landschaften gestreut sind. "Liebe vergeht nicht", heißt es an einer Stelle eher drohend als tröstlich. Tóths Figuren wissen von dieser Liebe ebenso wenig wie von ihrer Einsamkeit. Gefangen in den Pixeln ihrer Existenz, die sie nicht überschauen, leben sie hin. Und ihre Autorin schreibt geduldig von ihnen, schreibt so lange, bis sich einzelne Körper aus der Fläche erheben und uns erreichen.