Dame, Bube, Putin   
Er liebt Schach, aber stirbt ohne Antworten auf "seine besten Fragen". Etwa: Was tut man, wenn eine Niederlage unausweichlich ist? Als Irina nach dem Tod ihres Vaters einen Brief zu diesem Thema entdeckt, reist sie von Massachusetts nach St. Petersburg. Politische Spiele in Putins Russland, eine tödliche Krankheit namens Chorea Huntington und ein Schachweltmeister, der an Garri Kasparow erinnert – all dies und mehr packt die amerikanische Autorin Jennifer duBois in ihr feines Debüt. Vordergründig dreht sich der rasante Roman um Schachzüge und politische Strategien. Tatsächlich aber geht es um die größte aller Fragen: Wie lebt man mit dem Tod vor Augen? (Carmen Eller)

Jennifer duBois: Das Leben ist groß. Aus dem Amerikanischen von Gesine Schröder; Aufbau Verlag 2013, 448 Seiten, 22,99 Euro.

Weinen vor Freude

In US-amerikanische Jugendbüchern tut sich stilistisch oft nicht viel: Stakkatosätze. Präsens. Sekundenrealismus, nah am Ich-Erzähler. Alles klingt gleich. Nichts irritiert. Eine Ausnahme ist David Levithan, der in zehn Jahren fast 20 Bücher über Paare, Selbstverwirklichung und Partnerschaft-als-Selbstverwirklichung schachtelte. Jedes klang anders. Allerdings ist Two Boys Kissing ist der erste Levithan-Roman, der mich überzeugt: Acht schwule Jugendliche auf dem Land, 50 Stunden persönlichste Katastrophen und Triumphe, brillante Perspektivwechsel, Schnitte. 200 Seiten nichts als Sätze, die Leser zum Weinen bringen wollen. Vor Wut. Freude. Begeisterung. Ein hoher Ton. (Stefan Mesch)

David Levithan: Two Boys Kissing. A Novel. Knopf Books for Young Readers, New York 2013. 208 Seiten, 11,40 Euro.

Radikal auf Korsika

Der Anfang ist äußerst dramatisch: Virginie stürzt nackt aus ihrem Zimmer über der Dorfbar und wirft sich schreiend über den tot auf der Straße liegenden Stéphan Campana. Der ehemals schüchterne Student war nach und nach zu ihrer großen Liebe und zum Kopf der korsischen Berfreiungsbewegung FLNC geworden. In Virginies Zimmer hatten die beiden einen Kult der Reinheit zelebriert, nie jedoch miteinander geschlafen. Gleichzeitig begann Campana, vermeintliche Feinde des korsischen Volkes zu ermorden, zuletzt auch "Verräter" aus den eigenen Reihen. Balco Atlantico, der Roman des letztjährigen Prix-Goncourt-Preisträgers Jérôme Ferrari, ist die Geschichte dieser Radikalisierung. Und es ist die Geschichte eines marokkanischen Geschwisterpaars, das sich auf Korsika eine bessere Zukunft erhofft, und eines Historikers, dessen Erinnerungen ihn um den Verstand zu bringen drohen. Ein großartiges Buch, in einer mitreißenden Sprache geschrieben. (Fokke Joel)

Jérôme Ferrari: Balco Atlantico, Secession Verlag, 174 Seiten, 19,95 Euro.

Abseits der Meute

Peer Steinbrück taumelte und stolperte durch den Wahlkampf, Nils Minkmar, Feuilletonchef der FAZ, lief nebenher und machte sich Gedanken. Über Meuten-Journalismus, über von Krisen und Selbstoptimierung chronisch erschöpfte Wähler, und über eine SPD, deren hochfahrendes Politikbedürfnis in schrecklich kleinteiliger und steriler Wahlprogramm-Sprache versickerte. Keine Langzeit-Reportage und zum Glück kein Insider-Geprotze aus der Politikbetrieb-Blase. Sondern ein leises und kluges Buch über den Lärm der Politik und das, was dahinter liegt. Nah genug dran, um die Details zu erkennen, weit genug weg, um die Zusammenhänge zu sehen. (Lenz Jacobsen)

Nils Minkmar: Zirkus. Ein Jahr im Innersten der Politik. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, 224 Seiten, 19,99 Euro.

So fühlt sich Trauer an

Immer mehr Erwachsene greifen zu Jugendbüchern. Und sie tun häufig gut daran. Hier findet man bisweilen echte literarische Kostbarkeiten. Etwa Suzie Moores Unser Herz schlägt für uns beide, die eigentlich traurige Geschichte eines Geschwistertodes. Erzählt aus der Sicht von Emma, die glaubt, ihre Zwillingsschwester sei an ihrem Geburtstag an Kuchenkrümeln erstickt, verbreitet das Buch eine wunderbar schwebende, nahezu poetische Stimmung. So fühlt sich die Trauer eines jungen Menschen an, dessen Familie großes Unglück erfahren hat. Aber auch Hoffnung klang selten so gut und hell, wie diese kleine wilde Emma spricht. Und sich mit einer neuen Freundin an ihrer Seite zurück ins Leben kämpft. (Martin Brinkmann)

Suzi Moore: Mein Herz schlägt für uns beide. cbj 2013, 272 Seiten, 12,99 Euro.

Eine Vision wie ein Faustschlag

Der Wahnsinn ist ja, dass einem The Circle von Dave Eggers überhaupt nicht wahnsinnig vorkommt. Es ist einfach nur ein Roman aus unserer Zeit, Stichworte: neue Arbeitswelten, Internetbranche, allgegenwärtige Vernetzung. Der titelgebende Konzerngigant ist so mächtig, wie Facebook oder Google langfristig gerne wären. Er arbeitet am, natürlich, Allerbesten für die Menschheit: Offenlegen kann jetzt wirklich jeder alle Informationen, das wird die Welt dann bestimmt einfacher und sicherer machen. Erzählt wird so nicht nur über die Manager von Silicon Valley, sondern auch über uns restliche Mikromanager unserer eigenen Netzwerke und Beziehungen. Was übrigens alles andere als dröge kulturpessimistisch ist, denn einfach wegschreiben will Dave Eggers die Gegenwart und das Netz ganz bestimmt nicht. Er will aber viel mehr Debatte darüber und liefert dazu eine Firmenvision wie einen Faustschlag. So geht politische Literatur, im Jahr der NSA-Affäre. (Florian Kessler) 

Dave Eggers: The Circle. A Novel. Knopf, New York 2013. 504 S., geb., 27,95 US-Dollar. Noch nicht in deutscher Übersetzung erschienen.

Ein Abenteuer im Knäckebroteis

Glasscherbeneis, Knäckebroteis, Überraschungseis... An einem Augusttag 2012 sucht Stephan Orth nach Worten für die Landschaft, die ihn umgibt: Ostgrönlands Eispanzer. Der junge Reisejournalist ist Teil einer vierköpfigen Expedition, die den Folgen des Klimawandels auf der Spur ist. Für Orth ist es auch eine persönliche Spurensuche: Er will wissen, was für ein Mensch sein Großvater war. Genau 100 Jahre vor ihm ist dieser auf derselben Route gereist, als Mitglied der Schweizer Grönland-Expedition von 1912. Das Tagebuch des Großvaters begleitet den Enkel auf seiner Arktis-Durchquerung. In Orths Reisebericht verschmelzen die Erlebnisse der beiden Männer, die sich nie kennengelernt haben, zu einem gemeinsamen Abenteuer im Eis. (Jessica Braun)  

Stephan Orth: Opas Eisberg – Auf Spurensuche durch Grönland. Malik, 272 Seiten, 19,99 Euro.