Ein Kanzlerkandidat, der ein Grass-Gedicht rezitieren kann, macht natürlich Eindruck, zumal bei einem Feuilletonisten, der vorhat, ein Buch über diesen Kandidaten und seinen Wahlkampf zu schreiben. Peer Steinbrück hält jenes Poem aus Grass' Tagebuch einer Schnecke gar für "eines der schönsten deutschen Gedichte". Grass schrieb es an seinen Sohn Franz adressiert. Vor dem Hintergrund des SPD-Wahlkampfs 1969 handelt es davon, sich niemals unterkriegen zu lassen, niemals die Flinte ins Korn zu werfen, gerade auch dann nicht, wenn man sich eigentlich lange aufgegeben hat, "dann stehe auf und beginne dich zu bewegen, dich vorwärts zu bewegen..."

Auf Nils Minkmar, den Feuilletonchef der FAZ, hat dieses literarische Wissen des Kanzlerkandidaten aber nicht einfach nur Eindruck gemacht. Das Gedicht ist Leitmotiv und Klammer seines Buches Der Zirkus geworden. Dafür hat er Peer Steinbrück ein Jahr lang bei dessen verunglückten und von Beginn an eigentlich aussichtslosen Wahlkampf gegen Angela Merkel begleitet. Nicht zuletzt misst sich Minkmar mit Der Zirkus an Grass' 1972 veröffentlichtem Tage- und Wahlkampfbuch, das er wiederum für "eines der schönsten" Bücher des Literaturnobelpreisträgers hält. 

Der FAZ-Redakteur stellt fest, dass er keinen Bus brauchte, dass von einem "Kampf" wie seinerzeit zwischen Brandt und den "Schwarzen" (bis hin zu Morddrohungen) bei Steinbrück und Merkel keine Rede mehr sein konnte. Und überhaupt: "Auch hatte ich", schreibt Minkmar, "zum großen Glück nicht vor häuslichen Verhältnissen, einer sich auflösenden Ehe, zu flüchten, wie der Grass der frühen siebziger Jahre".

Metaphorischer Zugang zum Politgeschehen

Ein großes Glück für die Leser von Der Zirkus ist es aber auch, dass Minkmar einerseits die Eitelkeit abgeht, die Grass in Das Tagebuch einer Schnecke an den Tag legt. Er andererseits wie dieser einen metaphorischen Zugang zum Politgeschehen wählt. Grass beschwert sein Buch mit der Vertreibung und Vernichtung der Danziger Juden durch die Nazis und einer fiktiven Erzählung über einen Lehrer, der in einem Keller Nazis und Krieg überlebt. Vor allem aber versucht er, Vergangenheit und Gegenwart mit seinem Bild von der Schnecke zu verlinken, diesem "Zwitterwesen der Melancholie und Utopie".

Minkmar hingegen vergleicht die Politik von heute und insbesondere die modernen Wahlkämpfe mit einem Zirkus. Sei es, dass ein liebloses Plakat des "Chinesischen Staatscircus" ihn an den 2013er-Wahlkampf erinnert; sei es, dass die Politiker von heute auch Entertainer und Artisten sein müssen, dass "der Gegenspieler ernsthafter Politik" vor allem "der Clown oder besser: die Trias aus Showbusiness, Mafia und Finanzbranche" ist: "Gegen Berlusconi, Depardieu und ihre Freunde wie den Tschetschenen Kadirow hat die Politik keine Argumente und keine Waffen." Ja, und sei es, dass Peer Steinbrück auf einer Veranstaltung wie ein Tiger im Käfig immer um eine Säule herumlaufen muss, weil es sich die SPD-Strategen so ausgedacht haben.

Der FAZ-Redakteur und Feuilletonchef Nils Minkmar

Vom Fortschritt im Schneckentempo und dem Sisyphos Willy Brandt zum Politspektakel, in dem die Themen auf der Strecke bleiben oder nur noch willkürlich aufploppen: Auch in diesen Zusammenhang stellt Minkmar seine Beobachtungen aus einem Jahr im Innersten der Politik, wie Der Zirkus im Untertitel heißt.

Dabei bewegt Minkmar sich allerdings primär im Äußersten der Politik. Da, wo sie blenden, schauspielern und verlockend glänzen muss, weil es um vier weitere Jahre an der Macht geht – oder, wie im Fall der SPD und Steinbrück, eben darum, endlich einmal wieder aus der Opposition an die Regierung zu gelangen. Das von Minkmar so häufig gezeichnete Zirkus-Bild ist deshalb nicht übermäßig originell, weil die Zeit, in der tatsächlich politisch gearbeitet und gestaltet wird, in der Gesetze gemacht und Pflöcke für die Zukunft eingeschlagen werden, doch eine andere, viel länger andauernde ist als die, in der um Wählerstimmen sprichwörtlich geworben wird.