Kürzlich besuchte Michael Stavarič wieder einmal Grundschüler, als Kinderbuchautor, der er auch ist, neben seiner Tätigkeit als Übersetzer, Romanschriftsteller oder Herausgeber. Und wie er da so sitzt, dezent geschmückt, grunzend und gurgelnd Tierstimmen imitierend, könnten die Kinder, anderes gewohnt, gedacht haben, da sitzt ein Indianerhäuptling, wenigstens ein Erzählhäuptling, mitten unter ihnen, anfassbar und ansprechbar. Gaggalagu erschien 2006 bei Kookbooks. Stavarič fragt darin sich und die Kinder, wie Tiere in anderen Ländern machen, auf finnisch zum Beispiel oder auf französisch. Mögen auch die Kinder die hintergründige Pointe seiner Verse nicht immer verstanden haben, so erlebten sie doch mit Wucht die Lautmalerei. Michael Stavarič, Jahrgang 1972, gebürtiger Tscheche, der mit sieben nach Österreich kam, ist zu allererst ein Spracharbeiter, der einen auf die Reise mitnimmt in eine zauberhafte, verwunschene Welt.

Das tut er auch in seinem jüngsten Erwachsenen-Roman Königreich der Schatten. Allerdings schweigen hier die Tiere vorwiegend. Sie sind meist tot, Fleischhauern zum Opfer gefallen. Von Fleischhauern handelt der Roman. Wahlweise "Fleischhacker" genannt.  Weniger poetisch heißen sie auch "Metzger", eine Berufsgruppe, die mit Sicherheit unterrepräsentiert ist in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Aber nicht dass, sondern wie Stavarič sie in seinem Roman würdigt, ist bemerkenswert. 

Denn auch hier gibt es, wie in seinen Kinderbüchern, gleich mehrere Berührungsebenen. Schwingen sie alle, ergibt das den, sagen wir, Stavarič-Literaturakkord. Dur und Moll ist darin. Aber auch viele Zwischenstimmungen und schräge Dissonanzen, unendlich zart, unerträglich brutal, böse und märchenhaft, was die surreal anmutenden Illustrationen von Mari Otberg noch unterstreichen. Die Künstlerin tänzelt mit ihren leicht verzerrten Perspektiven und bleistiftfein gezeichneten Bildausschnitten auf dem doppelten Boden, den der Autor ihr mit seinen Texten bereitet hat.

Gleich zwei Fleischeranwärter lässt er hier wechselweise erzählen: Rosi Schmieg aus Wien. Und Danny Loket, der vom anderen Ende der Welt kommt, in Amerika mit vielen Geschwistern aufwuchs und den es dann nach Europa zieht, dorthin, wo der Krieg seinen Ursprung nahm und die Familie wurzelt. Beiden, Rosi und Danny, liegt das blut'ge Handwerk in den Genen. Beide hatten nämlich schlachtende Großväter. Am Ende des Romans werden sich Rosi Schmieg und Danny Loket sogar begegnen, in Rosi Schmiegs frisch gegründeter Leipziger Fleischerei.      

Und doch ist Königreich der Schatten beileibe kein Liebesroman. Auch kein Pamphlet gegen Veganertum, trotz der ironisch gleich wieder gebrochenen Begeisterung fürs Fleisch, die sich, das muss klargestellt werden, schon von Anfang an bedrückend mit dem Geschehen im Krieg vermengt: Rosis Großvater fiel durch Dannys Großvater. Sichtbar ist diese Ebene aber nur für den Leser. Die in die Vergangenheit gewissermaßen systemisch verstrickten Enkel erfüllen ein durchaus überraschendes Familienschicksal.

Die Dinge führen ein Eigenleben

Soweit die Geschichte. Die wechselnden Fronten sind hier allgegenwärtig. Stavarič lässt aber, statt handlungsorientiert aufs Finale zuzusteuern, mit großer Freude und auf vielen Umwegen diese Geschichte aus der Form gehen. Maßnahmenkataloge zur Hygiene etwa lesen sich durchaus amüsant wie Sachbuchartikel. Mit Bildern tapezierte Hotelzimmer animieren ihn zu kunstgeschichtlichen und religiösen Exkursen. Auch listet er mal kommentarlos die Inventarliste von Dannys Großvater auf: Viele Propagandablätter oder, "Nr. 35", den "Lederknoten zum Hemd eines Pimpfs (Hitlerjungen)". Wehrmacht-Tornister und Pistolentasche "SA/SS für die Mauser 7,65 mm (innen und außen gestempelt mit Hoheitsadler)".

Die Dinge bilden so eine Kulisse, und es bleibt dem Leser überlassen, was er mit diesen Aufzählungen und Requisiten alles anstellt und wie er es für sich verknüpft. Stavarič erzählt nichts aus oder gar zu Ende. Die Gegenstände, Tiere und Menschen, die er miteinander in Beziehung setzt, führen vielmehr ein Eigenleben, in das er uns eine kurze Strecke mitnimmt, so, wie die Grundschüler in verschiedenste Winkel der Welt. Dann steht man plötzlich mitten drin und muss alleine wieder herausfinden.

Stavarič' Prosa lebt vom Fragmentarischen, von den vielen Details und Fantasien. Die Bilder von Mari Otberg ergänzen das ganz wunderbar. Sie malt zum Beispiel Rosi Schmieg mit riesigen Augen wie eine traurige Holzpuppe, einem dieser dunklen Marionettentheater entsprungen. Rosi ist tatsächlich ein wenig labil. Nachts hört sie ihr eigenes Herz viel zu laut pochen. Überhaupt scheint sie nicht grob, für das blutige Handwerk, das sie erlernen will. Aber sie macht ihre Sache dann doch sehr gut, zwischen all den schnittig gezeichneten Fleischermessern, Wetzstäben, Kotelettklopfern und Steakhammern. Wie man vom Schlachten übers abgehangene Schwein bis hin zu Regelflecken auf dem weißen Bettlaken und Reflexionen über Totenhemdchen gelangen kann, das ist so abenteuerlich wie irrwitzig schlenkernd in Sprache gefasst.