Achtung: Dieses Buch kann nicht gegen Allergien immunisieren. Auch nicht, wenn man es regelmäßig über Haut und Haare reibt. Es lässt sich nicht in Wasser auflösen und ist deswegen ungeeignet, um in kleinen Schlucken gegen Übersäuerung eingenommen zu werden. Bei Verwendung der Seiten als Verbandsmaterial besteht sogar die Gefahr von Schnittverletzungen. Aber es zu lesen lohnt sich. Vor allem, wenn die Seele entzündet ist.

Die Romantherapie ist ein Literaturkanon für Sorgenvolle. Verfasst haben es die Literaturwissenschaftlerinnen Ella Berthoud und Susan Elderkin. Die beiden arbeiten in England als Bibliotherapeutinnen: In ihrer Praxis helfen sie ihren Klienten mit Buchempfehlungen über schwere Zeiten hinweg. Kurieren mit Jack Kerouac, Virginia Woolf oder William Faulkner. Aus den mit Erfolg angewendeten Tipps haben sie nun ein Buch zusammengestellt. 253 Romane sind in der deutschen, mit Hilfe von Traudl Bünger ergänzten Fassung aufgeführt. Das mit Leinen gebundene Buch ist eine literarische Hausapotheke für Leiden, die von Abschiedsschmerz bis Zurückweisung reichen.

Es lässt sich auf mehrere Arten lesen: Wer weiß, was ihn umtreibt – zum Beispiel eine Midlife-Crisis oder Rastlosigkeit –, schlägt die entsprechende Seite auf und findet dort das lindernde Buch. Wer sich schon immer gefragt hat, wozu Werke wie Feuchtgebiete gut sind oder was Michael Ondaatjes Werke ausmacht, sucht diese im Verzeichnis. Und wem einfach eine unterhaltsame Urlaubslektüre fehlt, der packt die Romantherapie in den Koffer. Das Buch ist nämlich nicht so gewichtig, wie es klingt. 

Der Balsam der Sprache

Viele der darin versammelten Zustände sind schwerwiegend, aber eben nicht alle. Über Fernweh zum Beispiel kommt man ohne therapeutische Hilfe hinweg. Und gegen Ei auf der Krawatte wirkt Waschmittel sicher schneller als die komplette Lektüre von Rose Tremains Zeit der Sinnlichkeit. Zwar nehmen die Autorinnen weder sich noch den Leser völlig ernst. Es mangelt ihnen trotzdem nicht an Empathie. Mit mütterlichem Pragmatismus verweisen sie bei Albträumen auf Pu der Bär. Gegen Identitätskrisen empfehlen sie – "Bewundern Sie Ihre Finger, Ihre Zehen und Ihre Nasenspitze" – Kafkas Die Verwandlung.

Je größer das Problem, desto länger ist (meist) auch der Eintrag. Sie "ist wie ein Blutegel, der einem die Energie, das Selbstvertrauen und die Chuzpe aussaugt", heißt es zum Beispiel über die Angst. Und zu Henry James: "Seine Sprache ist ein wahrer Balsam für die durch ... Ängste geplagte Seele." Über die Hoffnungslosigkeit schreiben Berthoud und Elderkin: "Jeder stirbt für sich allein lehrt uns, dass es nur ein Mittel gegen sie gibt: sich beharrlich, stolz und ungehorsam an das zu halten, was wir für gut und anständig erachten."