Wenn Ariadne von Schirach über das Leben in der modernen Gesellschaft klagt, dann klingt das richtig gut. Ihre Stimme hat etwas verschliffenes, ist rau und zart zugleich. Super Sound. Wenn indes der Mann von der Straße schimpft, dass das Leben nicht ausreichend Glück für ihn bereithält, zumindest verglichen mit dem, was er persönlich für angemessen hielte, klingt das nicht so gut. Eher nach: alter Leier.

So fällt gar nicht gleich auf, dass die Autorin mit dem Lehrauftrag für Philosophie und der frustrierte Meckerbürger von der Straße eigentlich das Gleiche sagen. Was auch daran liegt, dass in Ariadne von Schirachs Buch Du sollst nicht funktionieren "Unglück" eher "Unbehaustsein" heißt, der "Körper" gerne mal zum "Leib" wird und sie Sätze formuliert wie: "Das 'Ich' kann man nicht fassen, sondern nur umarmen." Sodass man schon kurz überlegen muss, ob das nur Kitsch ist, oder schon völliger Unsinn. 

Ob nun Die Müdigkeitsgesellschaft von Byung-Chul Han oder Du mußt dein Leben ändern von Peter Sloterdijk, philosophische Bücher im Gewand der Ratgeberliteratur verkaufen sich prächtig. So plädiert auch Ariadne von Schirach für eine neue Lebenskunst, die sie gegen den zunehmenden Selbstoptimierungszwang an Leib und Seele in Stellung bringt. Wir sollten aufhören, unsere Körper und Egos zu optimieren, uns in Magersucht, Selbstentfremdung und Depression treiben zu lassen, und stattdessen wieder lernen, das Leben zu genießen.

Viel Sprachgewalt, wenig Inhalt

Wenn von Schirach den Kapitalismus geißelt, dann sagt sie nicht: "Die Leute denken nur ans Geld." Sie kündigt an, da erst einmal weiter ausholen zu müssen. "In der Systemtheorie spricht man von einer Krise, wenn ein Subsystem alle anderen Systeme vereinnahmt", sagt sie dann. "Und bei uns könnte man davon sprechen, dass das ökonomische System ein bisschen gefräßig geworden ist."

Was zwar am Ende auf das Gleiche hinausläuft, sich aber eleganter und irgendwie auch viel bedeutsamer ausnimmt.

Hinzu kommt, dass Ariadne von Schirach aus einer Familie kommt, in der bis in die dritte Neffengeneration hinein geschrieben wird. Weshalb schon allein aus genetischen Gründen in jeder zweiten Rezension steht, dass sie unfassbar sprachbegabt sei.    

Manchmal scheint Sprachgewalt aber den Blick auf den Inhalt zu verstellen. Beziehungsweise darauf, dass die Begabung für eigene Ideen und originelle Thesen mit der für Sprache nicht immer mithalten kann. So hat die Philosophin dem, was einem in Eckkneipen, Uni-Mensen oder Hausfluren gelegentlich so an semifreiwilliger Konversation aufgenötigt wird, nichts Wesentliches hinzuzufügen.

Alles ist schlecht, was früher besser war; der Kapitalismus ist böse; der Schönheitswahn wird immer schlimmer, die Menschen immer oberflächlicher; selbst die Liebe ist von Verwertungsinteressen geradezu durchseucht.