Vor drei Jahren war Angelika Klüssendorf mit ihrem Roman Das Mädchen für den Deutschen Buchpreis nominiert. Die Geschichte über ein grausames Aufwachsen in der DDR – zwischen prügelnder, trinkender Mutter und Kinderheim – war gerade deshalb von tiefer Traurigkeit, weil Klüssendorf auf jede Art von Rührseligkeit verzichtete. Aber nur durch diesen Verzicht war es vermutlich möglich, dass dieses magere, namenlose und immerzu widerspenstige Mädchen nie eine Spur würdelos erschien. 

Der neue Roman von Angelika Klüssendorf, April, setzt dort ein, wo Das Mädchen endet. Eine junge Frau bezieht ihr erstes eigenes Zimmer. Das ist zwar nur zur Untermiete bei einer ruppigen Alten und von der Jugendhilfe zugewiesen, genauso wie ihre Anstellung  als Bürohilfskraft im Starkstromanlagenbau, aber trotzdem fühlt es sich wie ein Schritt in die Freiheit an – zunächst. Denn das Ausbrechen ist für jemanden wie April nicht einfach. Ein Selbstmordversuch und ein darauf folgender Aufenthalt in der Psychiatrie zeigen, wie verzweifelt April tatsächlich ist, auch wenn sie sich nach außen rau gibt.




ZEIT ONLINE: Nachdem man Ihren Roman April gelesen hat, beschleicht einen das Gefühl, dass man Ihnen womöglich gar keine Fragen stellen sollte. Das Besondere an Ihrem Buch ist ja gerade seine Lakonie. Alles Überflüssige ist gestrichen. Da kommt man sich mit seinen Fragen plötzlich ein bisschen überflüssig vor.

Angelika Klüssendorf: Das finde ich gut! Ich bin ohnehin er Meinung, dass ein Autor eher unsichtbar sein sollte. Die Fragen, die sich auftun, sollte sich der Leser besser selbst stellen. Aber das ist ganz generell so, ob nun bei April oder bei meinen anderen Büchern. Insofern: Fragen Sie ruhig.

ZEIT ONLINE: Ist April eine Fortsetzung Ihres Romans Das Mädchen aus dem Jahr 2011?

Klüssendorf: Als ich dabei war, Das Mädchen zu schreiben, hatte ich keine Fortsetzung geplant. Als ich Das Mädchen zu Ende geschrieben hatte, dachte ich: Die Geschichte müsste eigentlich weitererzählt werden. Und trotzdem sind beide Bücher eigenständig. Aber schön ist natürlich, wenn man beide liest.

ZEIT ONLINE: Die junge Frau, die Protagonistin des Romans, gibt sich zu Anfang selbst einen Namen: April. Warum ausgerechnet diesen?

Klüssendorf: Sie war mit allen Namen, die ihr von außen angetragen wurden, unzufrieden. Und April von Deep Purple, das ist ihr Lieblingssong. Man kann natürlich auch an den Monat denken, der ganz gut ihre Stimmung wiedergibt. Ihren eigenen Sohn nennt sie ja später Julius. Mit den Jahreszeiten, da hat sie es schon irgendwie.