"Jetzt hau mal ab, du Hurensohn! Ich muss hier arbeiten." Erstmal muss Reinhold Joppich den Lektor Olaf Petersenn verscheuchen, damit am KiWi-Stand Platz zum Sitzen ist. Dann wird eine Flasche Prosecco geöffnet. "Das ist meine letzte Leipziger Messe, da besauf ich mich ein bisschen. Und Sie sagen mir, wem ich auf die Schnauze hauen soll!" Joppich lässt den Blick kurz über die Vorübergehenden gleiten und ruft in das Weit von Halle 5: "Hurensöhne!" Dann lacht er schallend. 

Es gibt kaum jemanden, der so schön fluchen und lachen kann wie Joppich, der seit mehr als drei Jahrzehnten Vertriebsleiter beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch ist. Und es gibt kaum jemanden, der so brillant Bücher vertreiben kann.

Joppich ist vor allem deshalb so famos darin, weil er keine Kompromisse macht oder wenn, dann nur ganz kleine. "Kam doch einmal der Sarrazin an unseren Stand und wollte sich ein Buch angucken." Joppich schnaubt unter seinem Schnauzbart. "Den hab ich sofort weggeschickt."

Wenn Joppich über den Buchhandel erzählt, dann hört man kein verzagtes kulturkritisches Lamento. Dafür diebische Freude über den Aufwind des stationären Buchhandels. Er habe zwar nichts gegen die Buchhandelsketten, sagt Joppich, auch da könne man gute Literatur verkaufen, wenn die Leute etwas von ihrer Arbeit verstehen. Logisch, als Vertriebsleiter muss er natürlich alle Kanäle nutzen, um die Bücher seines Verlags in den Handel zu bringen. "Hurensöhne!", ruft Joppich jetzt gleich noch mal schnell ins Aufnahmegerät.

Für ein paar Augenblicke sieht er etwas nachdenklich aus. "Ich bin so zahm heute", sagt er und schüttelt verwundert den Kopf. "Vor einem Jahr hätte ich bestimmt noch viel mehr geschimpft. Werde ich milde? Oh Gott!" Aber es gibt immer ein paar Themen, bei denen auch ein milder Joppich poltern kann. Amazon zum Beispiel. Das sind für ihn die Verbrecher aus Amerika. Wahrscheinlich alles Scientologen oder so etwas in der Art.

Joppich ist niemand, der mit seiner Meinung hinterm Berg hält. Und das ist es auch, was er von Buchhändlern und Buchmenschen fordert. "Müssen ja nicht alle gleich links sein", sagt er. "Aber Haltung muss man haben." Joppich erinnert an die Riefenstahl-Biographie, die in den achtziger Jahren erschien und die sich eben nicht jeder Buchhändler ins Regal gestellt habe, nur um des Umsatzes Willen. "Aber gucken Sie sich das jetzt bei Sarrazin an!"