Lipa weiß, wie das Leben funktioniert: Für die 13-Jährige sind Schüler Arbeitslose und Hobbys wie Trampolinspringen nicht mehr als eine nutzlose Beschäftigung. Statt im Unterricht zu pauken, nimmt Lipa lieber neben Vater und jüngerem Bruder Berti den honorigen Platz als Assistentin im Familienunternehmen ein. Alltäglich geht es raus ins Schwarzwälder Hinterland, um in verrotteten Industriehallen und verlassenen Dörfern nach Elektroschrott zu suchen. Denn nur wenn sie beim Schrotthändler, dem "Paradies", durch den Verkauf von altem Metall genügend "Klimpergeld" zusammenbekommen, wird eines Tages der Traum vom Leben auf einem Bauernhof in Neuseeland wahr.

Blick auf ein wegmodernisiertes Milieu

Ruhig und besonnen führt Matthias Nawrat den Leser in seinem zweiten Roman Unternehmer in eine beinahe ausgestorbene Welt. In ihr gilt der Habitus traditioneller Arbeitstugenden wie Fleiß, Pflichtbewusstsein und Findigkeit. Selbst als die taffe Heldin ihr erstes Interesse an einem Jungen, keck von ihr der "lange Nasen-Timo" genannt, entdeckt, bleibt für Liebhudelei keine Zeit, auch wenn es Lipa geradezu obsessiv nach dem "ersten Mal" verlangt. Aber Urlaub, so muss sie von ihrem Vater hören, ist etwas für Nichtstuer. Nichts für ungut: Lipa ist ohnehin gern unterwegs und durchaus stolz, wenn sie hin und wieder zur Mitarbeiterin des Monats gekürt wird.

Dass der Autor derart leichtfüßig von Kinderarbeit und Schulschwänzerei zu erzählen weiß, liegt in der vermeintlich naiven Romantik begründet, die die strenge Ich-Perspektive seiner Protagonistin ermöglicht. Lipa wächst im Glauben an eine Arbeit auf, die noch ganz mit der Hände Kraft bewerkstelligt wird und die am Ende des Tages ein klaren Ertrag verzeichnen kann. Gegenüber dem allseitigen Gebuckel als "Arbeitssklave" lobt der Vater die Freiheit des Kleinunternehmertums, das in Nawrats amüsant gezeichnetem Mikrokosmos in der badischen Provinz wie ein Fossil aus alter Zeit erscheint. Der Ton dieser Prosa klingt fast durchweg lebensmunter und beschwingt. Nicht zuletzt eröffnet dieser infantile Ton – wenngleich ihm mitunter ein wenig an Glaubwürdigkeit mangelt – einen unverstellten Blick auf ein in einer Epoche wirtschaftlicher Monopolisierung wegmodernisiertes Milieu. 


Lipas linientreue Devise – "Das echte Unternehmertum fängt im Herzen an und hat mit Mut zu tun" – lässt jedoch nicht nur auf ein epigonales Idyll schließen. Nawrats Konstruktion besticht vor allem durch ihre fragile Doppelbödigkeit. Denn was so unvoreingenommen als heile Welt daherkommt, erweist sich bei genauerem Hinsehen auch als höchstaktuelle Karikatur der gegenwärtigen Leistungsgesellschaft.

Neuseeland ist passé

Spätestens wenn das Mädchen bei ihrem ersten Schulbesuch, nachdem der Vater wegen eines vermutlichen Hirntumors den Betrieb einstellen muss, angibt, sie sei arbeitslos geworden, und das Freizeittreiben der anderen nur mit Unverständnis beobachten kann, wird dem Leser klar: Die junge Arbeiterin hat die Ideologie des Kapitalismus voll und ganz verinnerlicht. So lehrt die ökonomische Propaganda: "Die Familie ist Kapitalgesellschaft, hat Vater einmal erklärt. Was man einträgt, darf man mit Profit zurückerwarten." Zweckfreies Kindsein gibt es in dieser Utilitarismusfarce nicht, bis die Familie durch die väterliche Erkrankung mit aller Bitterkeit die Kehrseite des freien Marktes erfahren muss. Das Ziel Neuseeland ist passé, die Realität der Armut virulent. Galt Lipa der Arbeitsalltag zuvor noch als Spaß, wird er nun zur Bewährungsprobe für das Erwachsenwerden.