Die Sache ist natürlich die: Wie kommt der HSV da jetzt wieder raus? Aber offen gestanden: Das ist uns einigermaßen egal. Wenn er sich entscheiden könne: Er gewinnt den Leipziger Buchpreis oder der HSV schafft den Klassenerhalt? Da hatte Saša Stanišić am Tag vor der Preisverleihung, wie es sich für einen anständigen und anständig abergläubischen Fußballfan gehört, nicht eine Sekunde gezögert und sich natürlich für das Wohl des Vereins entschieden. So viel Großmut ist löblich, da verzichtet man auf kritische Nachfragen. Obwohl es schon höchst merkwürdig ist, auf jemanden zu treffen, der sich ernsthaft für den HSV in die Kurve stellt. Und auch noch den Preis der Leipziger Buchmesse opfern will. Aber jetzt ist ja alles geritzt: Stanišić hat den Preis gewonnen. Und der HSV – das soll unser Problem nicht sein. 

Stanišić hat das Café bau bau als Treffpunkt vorgeschlagen. "Ist schön da", hatte er geschrieben. "Gibt Park und Enthusiasmus." Jede Menge Erinnerungen gibt es auch. In diesem Café in der Leipziger Innenstadt sind große Teile seines ersten Romans Wie der Soldat das Grammofon repariert entstanden, der ihn 2006 zu einem der meistbeachteten jungen deutschsprachigen Autoren gemacht hat.

"Hier wurde geschrieben. Danach sind wir dann immer rüber in den Park zum Fußballspielen. Die Taschen als Tore, so wie früher als Jungs." Stanišić lacht und schlägt vor, ebenfalls ein wenig durchs Grüne zu laufen. "Im Flow" bleiben wird er immer wieder sagen, wenn er über die Schreibübungen erzählt, die er täglich macht. Am liebsten lässt er dabei zwei Menschen, die er am Tag zuvor getroffen hat, über einen dritten reden und erfindet die kleinen Geschichtchen, die sie sich gegenseitig erzählen. "Warmwerden", nennt Stanišić das. Danach geht es an den eigentlichen Text.

So energiegeladen klingt all das, was der 1978 in Višegrad in Bosnien-Herzegowina Geborene gleich zur Begrüßung erzählt, dass es ganz logisch erscheint, dass man mit ihm nicht an einem Cafétisch über seinen neuen Roman spricht. Und das mit dem Enthusiasmus, der in seiner SMS stand, war auch nicht zu viel versprochen. Stanišić sprüht nur so davon. "Ich freu mich einfach wahnsinnig", sagt er "dass dieses Buch jetzt da ist." Man glaubt es ihm sofort. Und er würde das auch tun, ganz sicher, ohne diesen Preis.

Auf so eine unverstellte, unbefangene Art über das eigene Buch zu sprechen, ganz ohne Attitüde, trifft man selten. Vermutlich besteht darin auch das Geheimnis seiner Romane. Die leben übrigens zudem davon, dass sie immer eine Art von Teamarbeit sind. "Ich brauche Leute, die da draufgucken, die das ordnen." Vor allem seiner Freundin Katja Sämann, die Lektorin beim Rowohlt Verlag ist, habe er unendlich viel zu verdanken. Das sagt Stanišić dann auch noch einmal, als er nach der Verkündung des Preises auf die Bühne der Leipziger Glashalle kommt. Nun noch ein bisschen mehr geschüttelt vor Freude. (Wahrscheinlich hat er für ein paar Minuten vergessen, dass soeben der Abstieg seines Clubs besiegelt würde. Wir indes freuen uns gleich doppelt.)

In Vor dem Fest erzählt Stanišić über ein Dorf in der Uckermark. Warum um alles in der Welt die Uckermark? "Ich wollte unbedingt über ein Dorf schreiben, als Organismus, als Körper", sagt Stanišić. Deshalb auch das "Wir", das in seinem Roman zum Sprecher geworden ist, das leichte, immer wieder zart ironische  "Wir" der Dorfgemeinschaft. Unbedingt hatte es in diesem Dorf zwei Seen geben sollen. Zwei stehende, tiefe Gewässer – im Gegensatz zu den beiden Flüssen in seinem ersten Roman.

Fürstenfelde heißt es nun im Roman, das reale Vorbild heißt Fürstenwerder. Eine Freundin hatte Stanišić das Örtchen gezeigt, nachdem er ihr von seinem imaginierten Dorf erzählt hatte.  "Als ich dann diesen realen Ort gesehen habe",  sagt Stanišić, "konnte ich es kaum fassen. Das sah so sehr nach dem aus, was ich mir vorgestellt habe." Natürlich ist er im Laufe des Schreibens überlagert worden mit Fiktion. Jetzt ist es ein Ort, der immer zwischen Realität und Fiktion oszilliert. "Das ist mein Dorf geworden!" Diesen Satz sagt Stanišić ein ums andere Mal. Und das nicht, um eine wie auch immer geartete Autor-Macht herauszustellen. Eher ganz zugewandt sagt er das.