Seit Jahren raunt es im deutschen Literaturbetrieb um den Roman, an dem Uwe Kolbe arbeitet. Man hat aus gutem Grund auf dieses Buch gewartet, auf den ersten großen Roman eines Autors, der bereits in jungen Jahren als Wunderkind galt. Kolbe, 1957 in Ost-Berlin geboren, veröffentlichte im Alter von 19 Jahren erste Gedichte in der Zeitschrift Sinn und Form und wurde gefördert von Franz Fühmann, bevor er in Konflikt mit der offiziellen DDR-Kulturpolitik geriet. 1987 siedelte er nach Westdeutschland über.

Kolbes Vater Ulrich arbeitete für die Staatssicherheit und schöpfte im Rahmen seiner Tätigkeit diverse Quellen im Bereich der DDR-Kultur ab – darunter seinen eigenen Sohn. So wird die Danksagung verständlich, die Kolbe seinem Roman nachgestellt hat: "Der Autor dankt der Person, die die Fertigstellung dieses Buches erzwungen hat, weil sie anderes von ihm erwartet."


Grenzgang zwischen Fakt und Fiktion

Kolbe erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte, er erzählt von Verrat, Abhängigkeit, Anziehung, Zuneigung und Fühllosigkeit. Er erzählt von einem Land, das unverkennbar die DDR ist, obwohl das Kürzel kein einziges Mal fällt. Er erzählt von den Entstehungsbedingungen von Kunst in einem Staat, der die Kunst unter Kontrolle halten will. Er erzählt eine Geschichte. Die Frage, ob es seine Geschichte ist, führt in den Kern des Buches, auf dessen Umschlag statt "Roman" genauso gut "Brocken" oder "Klotz" stehen könnte. Die Lüge ist schwer konsumierbar und schwer verdaulich. Es ist ein hochgradig irritierendes und hoch interessantes Buch zu gleich geworden. Das liegt am Stoff, das liegt an der Erzählweise, an der Sprache. Man muss wissen, dass man sich auf eine höchst komplexe Angelegenheit einlässt, auf einen literarischen Grenzgang zwischen Fiktion und Fakten, der nicht als Spiel zu verstehen ist, sondern als der Versuch einer Existenz rettenden Annäherung an das eigene Leben mit dem Ziel, eben dieses in Sprache fassen zu können.

In Kolbes Lietzenliedern, dem Gedichtband aus dem Jahr 2012, finden sich einige Zeilen, die programmatisch über dem Roman stehen könnten: "Dieses Erfundene gälte es zu fügen / zu einem festen Haus wahrer Lügen. / (...) dieses Bild aus Vergangenheiten, /dass wir uns davon für immer befreiten." Die harte Dichotomie zwischen Erfundenem und Erlebtem, oder, vulgär gesprochen: zwischen Lüge und Wahrheit, die diesem Roman als Prinzip zugrunde liegt, könnte ihm bei oberflächlicher Betrachtung als seine Schwäche ausgelegt werden. Denn es wirft Fragen auf, viele. Das beginnt mit den Namen der Figuren: Hildebrand, genannt Hinrich, Einzweck heißt der Vater; Hadubrand, genannt Harry, Einzweck heißt der Sohn. Warum der Bezug, der Rückzug auf die mythische Ebene, der im Roman auf nichts weiter verweist als auf sich selbst? 

Brecht darf nicht Brecht bleiben

Weiter: Der junge Harry ist nicht etwa Lyriker, sondern Komponist avantgardistisch angehauchter E-Musik-Stücke; ein Mann, der auf der Suche ist nach dem "Klang der Welt als Sound". Warum verschiebt Kolbe das Milieu von einer kulturellen Nische auf die andere? Welchen Mehrwert soll das haben? Schließlich: Der Versuch, Die Lüge als Schlüsselroman zu lesen. Auch da vermischt Kolbe die Ebenen, scheinbar willkürlich, nur bei genauer Betrachtung aber mit System, das wiederum auch nicht durchgehalten wird: Franz Fühmann wird zu Sebastian Kreisler, "der Meister", wie er nur genannt wird, Peter Weiß zu Paul Schwarz, Biermann zu Riebmann, Havemann bleibt Havemann; Brecht allerdings, obwohl ebenfalls tot, darf nicht Brecht bleiben, Endler heißt aber Endler.