Es gibt Szenen in Martin Kordićs Roman, in denen auf ungemein eindringliche Weise die moralische Ambivalenz eines Krieges sichtbar wird. Zum Beispiel so: Viktor, ein Waisenkind, streift ziellos durch die Gegend. Dabei trifft er einen anderen Jungen, hässlich, entstellt, einbeinig. Der Einbeinige fordert Viktor zum Hütchenspiel auf. Als er verliert, zieht der Einbeinige eine Waffe und nimmt Viktor alles ab, was dieser besitzt. Heimlich folgt Viktor dem Einbeinigen und es ist völlig klar, dass er Gewalt anwenden wird, um wieder an sein Hab und Gut zu kommen. Als der Einbeinige kurz darauf von drei Männern angegriffen, überfallen, ausgeraubt und in den Fluss geworfen wird, zieht Viktor ihn heraus. Nicht aber um ihn zu retten, sondern um sich sein Eigentum zurückzuholen. Voller Wut tritt er auf den vermeintlich bereits Toten ein – bis dieser plötzlich wieder zum Leben erwacht. 

Von nun an sind die beiden eine Schicksalsgemeinschaft; zwei Opfer des Krieges, die eine strategische Union eingehen, um zu überleben. Das ist glänzend beschrieben und beeindruckend.

Überhaupt: In den ersten Reaktionen auf Wie ich mir das Glück vorstelle, den Debütroman des 1983 geborenen Martin Kordić, fällt nicht selten das Wort "berührend". Das trifft durchaus zu. Es stellt sich aber die Frage, ob das bereits ausreicht für einen gelungenen Roman.

Ohne ideologische Wertung

Kordić bedient sich eines oft erprobten, deshalb aber nicht weniger heiklen Kunstgriffs: Er erzählt ausschließlich aus der Kinderperspektive. Der kindliche Blick nimmt Einzelereignisse scharf und auf ungewöhnliche Weise wahr, blendet aber die politischen Zusammenhänge komplett aus oder vermittelt sie indirekt, im Modus der künstlichen Naivität. Es ist der jugoslawische Bürgerkrieg, durch den Kordićs Ich-Erzähler Viktor sich schlagen muss. Viktor wird mit einem schiefen Rücken geboren und ist gezwungen, eine schmerzhafte Korsettkonstruktion (im Roman nur "Rückenspinne" genannt) zu tragen.     

Kordić hat sein Thema nicht zufällig gewählt; sein Vater ist in der Nähe von Mostar, das im Roman "Stadt der Brücken" heißt, geboren. Mostar, die Hauptstadt der Herzegowina, in einem Talkessel gelegen, ist ein Kristallisationspunkt und ein symbolischer Ort: Zunächst kämpften hier Kroaten und Bosnier gemeinsam gegen die Serben, bevor die Kroaten mit ethnischen Säuberungen begannen. Die Stadt wurde durch den Fluss in der Mitte in zwei ethnische Fronten geteilt, die sich zum Teil quer durch ein- und dieselbe Familie zog. All das, das ist der Vorteil der eingeschränkten Perspektive, wird bei Kordić subtil angedeutet, ohne ideologisch bewertet zu werden.