Renata Adler? Sprach man in letzter Zeit mit Autoren und Kritikern in New York, las man die einschlägigen literarischen Zeitschriften und Blogs und glaubte man den glänzenden Porträts und Kritiken im New Yorker oder der New York Times, gehörte das vergangene Jahr niemand anderem als ihr. Einer strengen 75-Jährigen aus dem kleinen Newton in Connecticut also, die gerne Jeanshemden trägt und einen sehr langen, dicken, weißen Zopf, den sie für Fotos über die rechte, vordere Schulter wirft? Einer so gut wie vergessenen Autorin, die lange eine kleine Cider-Manufaktur betrieben hatte und schon seit 13 Jahren kein Buch mehr geschrieben hat? Absolut. 

Ein kühler Blick, der weh tut

Grund für den unwahrscheinlichen späten Ruhm von Renata Adler war die Wiederauflage ihrer beiden Romane Rennboot, der erstmals 1976 erschienen ist, und Pechrabenschwarz aus dem Jahr 1983 in der Klassiker-Reihe der New York Review of Books – deren Herausgeber hatten schon die Wiederentdeckung von John Willams' Roman Stoner initiiert, der zu einem im Literaturbetrieb weltweit hochgeliebten Buch wurde. Vor allem für Rennboot, das radikalere der beiden Bücher Adlers, zeichnet sich in Amerika ein ähnlicher Erfolg ab.

Inzwischen liegt es auch wieder auf Deutsch vor, in einer schönen, neu durchgesehenen Fassung in der Bibliothek Suhrkamp. Der autobiografisch gefärbte Collage-Roman, erzählt aus der Perspektive der Standard Evening Sun-Journalistin, Redenschreiberin und Universitätsdozentin Jen Fain, wirft einen so abgeklärten, kühlen Blick auf den Glamour der jungen gebildeten Kreise der Ostküste der siebziger Jahre, dass es weh tut.  

Triumvirat intellektueller Frauen

Nur Adler selbst schien bei all dem Wirbel im vergangenen Jahr gelassen zu bleiben. Was vielleicht daran lag, dass sie eine solche Euphorie um ihre Person schon kennt und weiß, wie schnell sie vorbei sein kann. Zusammen mit Susan Sontag und Joan Didion gehörte sie in den siebziger und achtziger Jahren zum Ton angebenden Triumvirat intellektueller Frauen in New York. Alle drei waren zu Beginn ihrer Karriere von Hannah Arendt gefördert worden. Adler war die jüngste unter den dreien, das It-Girl. Auch sie veröffentlichte Essays und Romane und schrieb für den New Yorker und die New York Review of Books.  

Für ihre journalistischen Geschichten flog sie um die ganze Welt, sie wurde von Richard Avedon fotografiert und schaffte es sogar auf einige Magazin-Cover. Doch im Gegensatz zu Sontag und Didion wurde sie von der kulturellen Szene New Yorks nach einiger Zeit wieder verstoßen. Adler hatte ein bitterlich gekränktes Insider-Buch über The Last Days of the New Yorker geschrieben, in dem sie nicht nur mit ihren Kollegen aus der legendären Zeitschrift, sondern auch mit dem Journalismus überhaupt abrechnete.