Vor allem mit seinem Theaterstück "Top Dogs" hat Urs Widmer sich in die Theatergeschichte eingeschrieben. Widmer seziert darin unsere heutige Arbeitswelt – nicht allerdings, indem er ein modernes Sozialdrama schuf. Stattdessen sammelte Widmer sein Material in Chef-Etagen und führte uns diejenigen vor Augen, die scheinbar ganz nach oben gekommen waren, um plötzlich ganz tief zu fallen: Gekündigte Topmanager, die in eine Abwärtsspirale der Entfremdung geraten. Widmers Vermögen, den vermeintlich schönen Glanz des Kapitalismus abzukratzen und sein wahres Gesicht freizulegen, machte Schule. Erreicht wurde das Original kaum. 1996 wurde "Top Dogs" am Zürcher Theater am Neumarkt uraufgeführt, im kommenden Jahr folgte die Einladung zum Berliner Theatertreffen. Das Stück und sein Autor wurden mit zahlreichen Preisen bedacht. Volker Hesse, der damalige Intendant vom Theater am Neumarkt, hat nicht nur bei der Uraufführung von "Top Dogs" Regie geführt, sondern Urs Widmer auch in anderen Arbeiten kennen- und schätzen gelernt. Nicht nur für seine Texte, auch als Menschen. Hier nimmt er Abschied.

Noch in der dunkelsten Krankheitsphase behielt Urs Widmer seinen drastischen Humor. "Ich bin im Endspiel", rief er mir zu bei unserer letzten Begegnung vor einigen Tagen. Damit war auch Becketts Endspiel gemeint. Widmer hatte viel gemeinsam mit dem Witz des großen Iren. Sein Lachen tönte oft in einen tödlichen Abgrund hinein. Heiter, ja oft kalauernd, fabulierte er gegen Schmerzen und Finsternisse an. Seine Fähigkeit, die lächerlichen, absurden Seiten des Lebens zu gestalten, war wortmächtig und überraschend.

Die erfolgreichste und wohl auch beste Arbeit, die wir zusammen entwickelt haben, war das Theaterstück Top Dogs in den neunziger Jahren im Zürcher Neumarkt-Theater. Es ging um Führungskräfte der Wirtschaft, die plötzlich aus der Bahn geraten, um moderne Königsdramen. Widmer und ich haben eine Zeit lang recherchiert – in Chefetagen der Schweizer Konzerne, in Outplacement-Büros, in privaten Welten von Managern. Immer wieder war ich entzückt, mit welcher Schnelligkeit Urs Widmer aus Gesprächsnotizen ätzend komische Theaterszenen zauberte. 

Er pointierte die Gierkultur vieler Spitzenkräfte unserer Gesellschaft bis zur schrecklichen Komik, gleichzeitig behielt er  auch eine Sensibilität für die Not solcher Menschen. Es waren abgründige Blicke auf Leitfiguren unserer Zivilisation – 170 Mal wurde Top Dogs weltweit nachinszeniert, und die Aktualität dieses Textes hält immer noch an.

Widmer und ich waren seit dieser Arbeit eng befreundet. Seine Zartheit, seine Wärme, sein Lachen und sein Scharfsinn werden mir unendlich fehlen.