ZEIT ONLINE: Sie beschreiben in Ihrem Buch Rom, Träume die flirrende intellektuelle Atmosphäre im Italien der fünfziger und sechziger Jahre – die Szene um Alberto Moravia, Elsa Morante, Federico Fellini oder Pier Paolo Pasolini. Es ist eine Zeit des Aufbruchs für eine neue Generation von Autoren und Filmemachern gewesen, nicht nur eines künstlerischen, sondern auch eines politischen Aufbruchs. Nun liebäugelte Pasolini Anfang der sechziger Jahre mit der Idee, einen Jesus-Film zu drehen, "ein Werk der Poesie" zu schaffen, wie er selbst sagte. Das scheint erst einmal verwunderlich, zumal sich der homosexuelle Schriftsteller und Regisseur ja als Kommunist verstand. In welcher Situation fanden diese Überlegungen statt?

Maike Albath: Das, was Pasolini Anfang der sechziger Jahre sehr beschäftigt hat, war die Lage des Subproletariats in Italien, genauer in Süditalien. Es hat ihn interessiert, wie es den Bauern ging, wie es bestellt war um das Industrieproletariat, und diese Entwicklungen hat er sehr genau beobachtet. Er entschied sich deshalb, seinen Film über das Matthäus-Evangelium in Süditalien zu drehen. Die Schauplätze waren eben nicht Palästina, sondern Lukanien, Apulien, die Höhlen von Matera, karge und verlassene Dörfer, und das gibt dem Film eine ganz eigene Qualität. Gedreht hat er alles in Schwarz-Weiß mit Laiendarstellern, mit vielen Leuten, die aus diesen Gegenden kamen, die sich ganz selbstverständlich in den Höhlen und zwischen den alten Gebäuden bewegten. Dort und mit diesen Menschen zu drehen, war für ihn sehr zentral.

Und dann ist da etwas ganz Bedeutsames bei Pasolini Anfang der sechziger Jahre: Er hatte eine sehr ursprüngliche Auffassung des Christentums. Pasolini hing nicht den Auffassungen der Kirche an, aber die Bibel war für ihn äußerst wichtig. Als er einmal krank in einem Hotelzimmer lag, stieß er auf ein Bibelexemplar, las und war begeistert von dem darin enthaltenen sozialrevolutionären Aspekt. Und genau diesen wollte er in seiner Auslegung des Matthäus-Evangeliums betonen – das war für ihn ein Ausdruck dessen, was jemand, der die Botschaft dieses Christentums verkörpert, auch dem Volk zu sagen hat. Der Widerspruch zwischen der offiziellen Kirche und dem, was das Evangelium eigentlich verlangt, war für ihn offensichtlich. Er hat den Film übrigens Papst Johannes XXIII. gewidmet, und das war ein Papst, der aus dem norditalienischen Proletariat stammte, aus sehr einfachen Verhältnissen, das hat ihm gefallen. Ihm gefiel an Johannes XXIII. zudem, dass er ebenfalls auf diese Ursprünge des Christentums zurückkommen wollte. Und eine ganz andere Vorstellung von Kirche hatte, Pomp ablehnte und eine neue Art der Liturgie vertrat.

ZEIT ONLINE: Zu Zeiten des Vorgängers von Johannes XXIII., Pius XII., hätte er den Film nicht machen können, sagte Pasolini damals.

Albath: Das stimmt und scheint ein zentraler Punkt zu sein. Interessant ist, dass er auf der einen Seite sehr religiös ist, auf der anderen Seite aber nicht den Regeln der Kirche entsprach. Pasolini hat es abgelehnt, die Kirche nur den Priestern zu überlassen. Seine Religiosität hing zusammen mit einem ganz tiefen Verbundensein mit dem Volk und mit der Natur. Das waren die Dinge, die ihn umgetrieben haben. Pasolini wurde, als er 1963 den Kurzfilm "La Ricotta" mit Orson Welles gemacht hat, der Blasphemie bezichtigt. Er verteidigte sich mit den Worten, er sei antiklerikal, aber er trage 2000 Jahre Christentum in sich – er habe mit seinen Vorfahren die romanischen Kirchen und die gotischen Kirchen erbaut. Religion sei ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur und mache den Menschen aus, es ließe sich nicht darauf verzichten.