Für die sogenannte Generation Y gibt es eine Wikipedia-Definition. Die heute Anfang bis Mitte 20-Jährigen seien vergleichsweise gut ausgebildet. Sie strebten nach Selbstverwirklichung, Familie und Freiheit. Im öffentlichen Diskurs fallen auch weniger schmeichelhafte Begriffe: Generation "mutlos" heißt es dann, oder Generation "frei-aber-feige".   

Nun überrollte Anfang des Jahres ein YouTube-Video die sozialen Netzwerke. In diesem Video sah man den etwa sechsminütigen Auftritt der jungen Poetry-Slammerin Julia Engelmann. Sie sagt darin Dinge wie: "Eines Tages, Baby, werden wir alt sein" oder: "Lass uns Dopamin vergeuden." Dass "Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist". Sie sagt, dass wir aufwachen sollen aus unserer ewigen Lethargie.

Scheinbar traf sie damit einen Nerv. Mehr als fünf Millionen Likes, Einladungen in Fernseh-Talkshows, Schlagzeilen und ungezählte Kommentare in Onlineforen bliesen Engelmann binnen Tagen zur "Stimme einer ganzen Generation" auf. "Julia, du bist meine Inspiration", schrieben Fans auf Facebook-Timelines. "Der Hammer!!! Du triffst genau mein Herz." Jörg Pilawa kämpfte im Fernsehen mit den Tränen.

Eine Slammerin hatte vom Leben und Freisein erzählt und das Ganze mit ein bisschen Popkultur aufgepeppt. Funktionieren Wörter wie "Basecaps", "WhatsApp", "Konfetti" und "Glühwürmchen" online einfach besonders gut? Hatte die "Generation Desorientiert" einfach genau darauf gewartet? Dass jemand ihr mal die Seele streichelt und sagt, dass es im Leben ums "Hakuna Matata" geht? Oder war es schlicht Timing und gelungenes Blogger-Kalkül?  

Julia Engelmann hat jetzt ein Buch geschrieben. Eines Tages, Baby, heißt es, darin sind 14 Slam-Gedichte, inklusive dem, das die Studentin berühmt gemacht hat: One day/ Reckoning. Die Texte drehen sich um die Unfähigkeit zu entscheiden und um den Unwillen, erwachsen zu werden. Darum, dass Engelmann "bescheuert viel Angst" hat, und dass man das Leben "einfach mal" genießen soll. Am Ende bleibt die Autorin, so schön klingend ihre Sprachspiele sind, doch das, was ihrer Generation vorgeworfen wird: schwammig im Inhalt und ein bisschen mutlos. Für mediale Begeisterung scheint das auch nicht zentral wichtig zu sein.      

Steckt in diesen 90 Seiten die Formel für generationsübergreifende Blitz-Euphorie? Der "Engelmann-Code", der Klicks, Likes und andere virtuelle Liebesbekundungen provoziert? Muss man Engelmanns Erstlingswerk vielleicht weniger als "Botschaft an eine Generation" verstehen, denn als rhetorischen Fundus für Politikberater und Werbeagenturen, die die jungen Menschen besser erreichen wollen?

Eins: Lesen Sie die Klassiker der Sturm-und-Drang-Literatur. Werfen Sie die Vokabeln über Bord, und klauen Sie den Vibe. Seien Sie fordernd und sensibel.

Zwei: Schreiben Sie über Ängste, Missmut und Traurigsein. Schreiben Sie spätestens im letzten Satz, dass alles gut werden wird.   

Drei: Sie haben es mit einer multilingualen, technikverwöhnten Generation zu tun. Verwenden Sie Begriffe aus ihrem Repertoire: "facebooken", "tweeten", "checken", "dancen". 

Vier: Die Generation Y ist gut ausgebildet (siehe oben). Streuen Sie daher Beweise intellektueller Beschlagenheit ein. Erwähnen Sie Wittgenstein. Zitieren Sie Shakespeare, etwas abgewandelt.

Fünf: Früher (I). Früher gab's noch kein Internet. Früher tobte man durch die Natur, aß wilde Erdbeeren und kletterte auf Bäume. Appellieren Sie mit "Natur-Stichwörtern" an verschüttete Nostalgien. (Sternschnuppe, Glühwürmchen, Gewitter, Regen.)  

Sechs: Früher (II). Früher gab's echt gute Kinderbücher. Signalisieren Sie mit Insiderwissen aus Harry Potter (Band 1-7), Sams und Ähnlichem, dass Sie auf der richtigen Seite stehen. (Patronus, Gatsmas, Nimmerland). Geizen Sie nicht mit Zitaten aus Songs und Filmen, insbesondere nicht mit solchen von Walt Disney.   

Sieben: Glücklichsein ist ein Menschenrecht. 

Acht: Beginnen Sie Sätze mit "Lasst uns…" und beenden Sie sie mit "Also los!"

Julia Engelmann wendet sich direkt dem Leser zu. Sie fordert ihre Generation zum Genießen auf, nicht zum Gestalten. Feel mal dein Leben sozusagen. Oder ist "Dopamin vergeuden" einfach nur ein Anagramm von Widerstand?