Es hat einen durchaus bitteren Beigeschmack, dass ein internationales Treffen von Schriftstellern, das über den zaghaft visionär zu nennenden Traum von Europa diskutieren will, ausgerechnet in den Räumen der Alfred Herrhausen Gesellschaft, in der Deutschen Bank Berlin mithin, stattfindet. Bitter aus verschiedenen Gründen. Einer davon ist die Tatsache, dass der Tagungssaal, ein Atrium, von drei Seiten eingeschlossen und überragt von den Fassaden der Bankerbüros, etwas zu symbolstark die realen Kräfteverteilungen zwischen Kultur und Wirtschaft spiegelt.

Kommentiert wurde das jedoch nicht in den vier hochkarätig besetzten Panels, zu der die Initiatoren dieser Europäischen Schriftstellerkonferenz – Mely Kiyak, Nicol Ljubić, Antje Rávic Strubel, Tilman Spengler und Außenminister Frank-Walter Steinmeier – geladen hatten. Autoren wie Janne Teller, ehemalige Konfliktberaterin von UNO und EU, zählten ebenso zu den Diskutanten wie die fabelhaft engagierte Philosophin Ágnes Heller, 1929 in Budapest geboren, oder die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko. Trotz der insgesamt 30 Autoren aus den verschiedenen Ländern und Zusammenhängen – jene nicht mitgezählt, die als Gäste jenseits des Podiums zu der Konferenz gekommen waren – dominierte ein Ton grundsätzlicher Einigkeit.

Während sich gerade allenthalben nicht nur Europa-Müdigkeit breitmacht, sondern Europa-Gegner mit populistischen Kampagnen auf Wählerfang gehen, blieben in den Diskussionen europakritische Stimmen aus. Auch etwa, dass sich Anhänger Barrosos oder Befürworter des Freihandelsabkommens im Raum befänden, konnte Tilman Spengler als Moderator zweier Runden von vornherein und unwidersprochen ausschließen. Womöglich ist aber eine solche grundsätzliche Einigkeit zuallererst die Voraussetzung dafür, dass sich bei einer so großen Anzahl von Stimmen überhaupt ein Gespräch entspinnen kann.

Erinnerung an die erste Konferenz 1988

Indes: ein Gespräch worüber genau? Über Europa oder über die Europäische Union? Über eine gemeinsame Identität oder über die Notwendigkeit von Heterogenität? Über eine möglichst präzise Beschreibung des Ist- oder um den Entwurf eines Soll-Zustands? Über Inklusion innerhalb von Europa oder die Exklusion, die an seinen südlichen Grenzen betrieben wird und immer wieder Menschen in den Tod schickt? Über die Frage, ob der europäische Traum nur wiederbelebt werden kann, wenn man möglichst viel erinnert, oder ob das Vergessen zurückliegender Konflikte die Voraussetzung ist, um überhaupt gegenseitiges Vertrauen entstehen lassen zu können.

Und während der Blick des einen oder anderen Zuhörers in den vollbesetzten Reihen der Alfred Herrhausen Gesellschaft immer mal wieder zum etwas absurden Bürofassadenschauspiel hinaufgeht, wird freilich die Frage nach der Bedeutung und Wirkungsmacht von Literatur in diesem Zusammenhang nicht eben kleiner. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte in seiner Eröffnungsrede der Schriftstellerkonferenz nicht nur die Fragen aufgeworfen, was Literatur und Politik gegenseitig voneinander erwarten können, er war auch nicht der einzige, der an die erste Europäische Schriftstellerkonferenz erinnerte, die 1988 im damaligen West-Berlin stattgefunden hat, unter dem Motto: Der Traum von Europa.

Welche einschneidenden Umwälzungen in Europa wenige Monate später vor sich gegangen sind, muss kaum erwähnt werden. Und auch wenn wohl niemand auf die Idee käme, einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen herzustellen, und auch wenn einige der Teilnehmer der damaligen Konferenz, wie etwa György Dalos, nun in Berlin betonten, dass sie sich 1988 niemals hätten träumen lassen, welche Entwicklung Europa so bald nehmen sollte, dann ließ der Rekurs auf die Vorgänger-Konferenz doch mindestens zweierlei Kontraste allzu deutlich hervortreten.