Comiclesungen sind oft eine etwas zähe Angelegenheit. Auf den mit Beamer an die Wand geworfenen Seiten erkennt man jenseits der ersten Reihe kaum die Feinheiten der Zeichnungen. Auch sind viele Comicautoren eher scheue Menschen und lesen entsprechend verhuscht die Texte vor, die das Publikum inzwischen längst – man kann ja doch nicht wegschauen – vom Beamerbild abgelesen haben.

Ganz anders sind die Auftritte von Simon Schwartz, wie jüngst in Leipzig. Im akkuraten blauen Anzug, mit Hemd und Krawatte, präsentiert er sein neues Buch Vita Obscura. Auf der Leinwand fährt Schwartz mihilfe einer Präsentationssoftware über seine ineinander verschachtelten Comic-Kurzgeschichten, er zoomt in einzelne Ausschnitte und lässt die Zuschauer so Details erkennen, aber nicht den geschriebenen Text. Hellwach und aufmerksam ist Schwartz, deutlich und klar trägt er die kleinen Biografien vor, von Stadtstreichern in San Francisco und Trompeterinnen der Swing-Ära, er senkt und erhebt seine Stimme, macht einstudierte dramatische Pausen.

Hier hat sich einer vorbereitet, hier will es einer wirklich gut machen. Das passt zu Simon Schwartz, der schon vieles gut gemacht hat in seiner Karriere: drüben!, seine zeichnerisch noch etwas unbehauene Abschlussarbeit an der HAW in Hamburg, wo er wie so viele deutsche Comiczeichner studiert hat, holte 2010 gleich den Jugendliteraturpreis. Mit Packeis gewann Schwartz 2012 sogar den Max- und Moritz-Preis, eine der wichtigsten deutschen Comicauszeichnungen.

Ein Leben, eine Seite

Simon Schwartz ist ein Biografiensammler. Im Debüt drüben! erzählt er die Geschichte seiner eigenen Eltern, die in den achtzigern Jahren nach jahrelanger Schikane endlich aus der DDR ausreisen durften, er selbst war damals ein Kleinkind. In Packeis geht es um Matthew Henson, dem vermutlich ersten Menschen am Nordpol, der es aber nicht in die Geschichtsbücher schaffte, weil er nur der Expeditionshelfer des offiziellen Entdeckers Robert Peary war und außerdem schwarz.

© Avant-Verlag

Zahlreiche weitere Biografien hat Schwartz, 31, gesammelt, bemerkenswerte Geschichten von bemerkenswerten Menschen, oft Außenseitern und historischen Randgestalten, Geschichten, die uns die gesamte Vielfalt und Absurdität menschlicher Kultur zeigen. Er sei schon immer an der Vergangenheit interessiert gewesen, sagt Schwartz, weil sie uns helfe, die Gegenwart zu verstehen. Und als ihm die Wochenzeitung Der Freitag anbot, einmal im Monat eine farbige Drittelseite nach eigenem Geschmack zu bespielen, da wusste Schwartz sofort, was er mit diesem Platz anfangen würde.

Sein drittes Buch Vita Obscura, das im März beim Avant-Verlag erschienen ist, versammelt nun diese Comic-Kolumnen zusammen mit unveröffentlichten Seiten. Und die insgesamt 35 Lebensgeschichten sind schlicht märchenhaft: Ein Hochstapler, der den Eiffelturm verkauft, ist mit dabei. Ein Kunstfurzer. Ein polnischer Widerstandskämpfer, der aus Auschwitz floh. Eine Krankenschwester, die mehrere Schiffsuntergänge überlebte und eine abergläubische Gewehrfabrikantenwitwe, die sich ein bizarres Irrgarten-Haus bauen ließ. Hinzuerfunden hat Simon Schwartz nichts, allenfalls unter dramaturgischen Gesichtspunkten Dinge weggelassen. "Es ist ja auch ein bisschen verwegen zu sagen: Ich reduziere ein Leben auf eine Seite", sagt er.

Fast genauso irrwitzig wie die Geschichten ist aber der Aufwand, den Schwartz für seine Comics betreibt. Er illustriert nicht einfach nur Lexikoneinträge, nein: "Ich habe immer versucht, einen speziellen ästhetischen Zugang zu finden, der noch eine Facette der Zeit widerspiegelt, um so einen zweiten, emotionalen Zugang für die Leser zu schaffen", sagt Schwartz. So gleicht das Seitenlayout mal einer Gitarre, mal dem Union Jack, mal drei Matrjoschka-Puppen. Der LSD-Lebenstrip von Schriftsteller Ken Kesey ist ein knallbuntes, zugekleckstes Ölfarbenkaleidoskop. Die Geschichte eines rätselhaften Flugzeugentführers ist im Piktogrammstil einer Airline Safety Card gezeichnet, samt Kaffeebecherrand.