Gott hin oder her, natürlich hätte ich es wegoperieren lassen. Wenn mir nur nicht alle Ärzte, die ich konsultierte, davon abgeraten hätten. Eine Operation könne lebensgefährlich sein. Und ich solle mich nicht so anstellen, so schlimm wäre es ja nun auch wieder nicht.
Wie ein lahmer Kinderarm fiel es mir mittlerweile über meinen Hosenbund. Nachts glaubte ich manchmal, es bewege sich. Es krieche über meinen Bauch wie eine Schlange.
Ich hasste es, und war ich allein, stand ich vor dem Spiegel, mit einer Heckenschere und war versucht, mich mit ihr von diesem verdammten Ding zu erlösen. Doch ich schaffte es nicht. Lag es an Gott?

Ich band es mir mit einem Gürtel um den Hals.

Eines Tages dann, ich stand gerade nackt im Zimmer und vertrieb mit meinem Anblick die spielenden Kinder aus dem Hof – dieses Gewächs war mittlerweile dackelgroß geworden, es zog an mir, ich konnte nicht mehr lange stehen, es sei denn, ich band es mir mit einem Gürtel um den Hals –, da zeigte sie darauf und sagte, so ruhig es ihr eben möglich war: "Da ist wer drin."
Erst dachte ich, sie meine es im übertragenen Sinne. So wie sie sagte, meine Mutter stecke in mir. Doch als ich an mir heruntersah, begann diese Wulst sich langsam aufzurichten, und tatsächlich, an ihrem Ende drückte nun so etwas wie das Gesicht eines Mannes durch die Haut. Es wirkte, als stemme sich ein kleiner Mann von innen durch diese Wulst. Durch die Haut sah es so aus, als öffne er den Mund, als wolle er etwas sagen. Oder besser noch als würde er schreien. Man sah eine kleine Nase, Augenhöhlen. Kurz darauf war er wieder verschwunden, und die Wulst hing einfach nur schlaff wieder an mir herunter.

"Hast du das auch gesehen?", fragte ich sie.
Petra nickte. Hockte sich dann vor mich und packte mit beiden Händen die Wulst, um sie sich vors Gesicht zu halten. Sie räusperte sich, sagte dann: "Entschuldigung?!"
Sie hielt sich das Wulstende an ihr Ohr und lauschte.
"Hallo, Sie?! Wir sind Petra und Timoté. Können Sie uns hören?", versuchte sie es noch einmal.
"Hilfe", hörten wir mit einem Mal leise eine Männerstimme. "Bitte, helfen Sie mir. Helfen Sie mir doch."

Da ist ein Mann in Ihnen.

Als man mich röntgte, war es deutlich zu erkennen. Der Arzt setzte sich anschließend vor mich auf die Kante seines Schreibtisches, legte seine dicht behaarten Hände auf meine Schultern und beugte sich so nah zu mir, dass ich seine Worte förmlich riechen konnte: "Herr Grömsen, da ist ein Mann in Ihnen. Und ich werde ihn rausholen."

Während der Narkose träumte ich von mir und einem Mann, mit dem ich auf dem Rücken eines braunen, namenlosen Pferdes durch dunkles Dickicht ritt. Dieser Mann war auf eine unästhetische Art sehr dünn. Er umschlang meinen Bauch, und ich betrachtete seine alten Hände, die eher nach Fußsohlen als nach Handrücken aussahen.

Als ich wieder zu mir kam, lag in dem anderen Bett, das vor der Narkose leer gewesen war, ein sehr kleiner, dünner Mann mit langem, strähnigem Haar, das eine der Schwestern ihm so gekämmt zu haben schien, wie ich meine Haare trug. Er war vielleicht fünfzig, sechzig Zentimeter groß, und als ich mich in meinem Bett etwas aufrichtete, um ihn genauer zu betrachten, da sah ich, dass er tatsächlich etwas Ähnlichkeit mit mir hatte. Auch er trug einen an den Enden gezwirbelten Schnurrbart, der ihm ganz ausgezeichnet stand. Dazu die schlaffen Lider, die zu groß für seine Augen schienen. Genau wie bei mir.

Sein Schnurrbart kitzelte an meinem.

Meine Mutter hatte mir früher oft erzählt, dass ich ein Zwilling hatte werden sollen. Sie hatte nie gesagt, was aus dem anderen geworden war. Vielleicht war er das?
Er schlief die ganze Zeit über. Sein Schlaf wurde von einem gleichmäßigen piepsigen Seufzen begleitet, das immer mal wieder kurz aussetzte und mich in Panik geraten ließ. Ich sprang auf und sah nach ihm. Hatte ihm einmal sogar Luft durch den kleinen Mund in die Lungen geblasen. Sein Schnurrbart kitzelte an meinem. Unter meinen Handflächen hatte ich gespürt, wie sich sein Brustkorb mit meiner Luft prall aufblähte. Um ehrlich zu sein, wusste ich gar nicht, warum ich das tat. Denn vermutlich wäre vieles leichter gewesen, wäre er einfach gestorben.

Zwei Wochen war ich dort im Krankenhaus. Zwei Wochen, in denen der Mann nichts weiter tat, als zu schlafen, und als er dann eines Tages erwachte, schien er wenig überrascht.
"Ich heiße Thorsten", sagte er. "Mit h. Guten Tag."
"Guten Tag", grüßte ich zurück. Anschließend schwiegen wir einen Augenblick, bis ich dann sagte: "Sie sind in mir gewesen. Man hat Sie aus mir herausoperiert."
"Oha", sagte er und starrte mich an. Sagte dann noch einmal, als ich weiter schwieg: "Oha. Ohauerhauerha."