Als ich mich aus der Klinik verabschieden wollte, rief mich der behandelnde Arzt noch einmal zu sich. Wir standen im Nebenzimmer und betrachteten durch die Spiegelattrappe den kleinen Mann, der dort in dem Bett lag und vergnügt eine Zeitschrift über Tierjonglage durchblätterte.

"Versicherungstechnisch", sagte der Arzt, "handelt es sich bei diesem Mann um ein Geschwür. In der Regel verbrennen wir Geschwüre nachts im Hof, um mit ihrer Asche die krankenhauseigenen Erdbeerbeete zu düngen. Doch in diesem Fall liegt die Sache ethisch", bei diesem Wort fasste er mich vorsichtig am Kinn und drehte mein Gesicht zu sich, "ethisch anders. Wir können ihn nicht einfach verbrennen. Das werden Sie verstehen, Herr Grömsen."
Ich hatte das Gefühl, nicken zu müssen, obwohl ich schon lange nichts mehr verstand.

"Wer kommt für ihn auf?", fragte der Arzt. "Er isst wenig, ja, aber er isst etwas. Außerdem ist das Bett ein Bett. Ein ganz gewöhnliches Bett für kranke Leute, und so ein Bett, ja, Herr Grömsen, so ein Bett, das kostet."
Wieder nickte ich.

Wir legten ihm eine kleine Hundematratze hin.

Sie hatte ihm Kindersachen übergezogen. Obwohl er nicht wie ein Kind aussah, sondern eher wie ein Kleinwüchsiger. Immer wieder musste ich an diese Bauchrednerpuppen denken, die man nach dem Ebenbild des Bauchredners geschaffen hatte. Wir beide trugen Hüte, und eine alte Dame, die uns in der S-Bahn gegenübergesessen hatte, applaudierte einmal und steckte mir etwas Kleingeld zu, nachdem sie eine Weile zugehört hatte, wie wir uns miteinander unterhielten.
"Ganz echt", sagte sie, "toll." Sie drückte den Arm des kleinen Mannes.
"Aua", sagte dieser.
"Sie Schlawiner, Sie", sagte sie, zeigte auf mich und lachte.
Wir räumten das Bastelzimmer leer und legten eine kleine Hundematratze hinein. Manuela stickte ein Bild mit seinem Namen, das wir darüber aufhängten. Thorsten mit h. In einem Kinderladen kauften wir kleine Jeans und T-Shirts mit Tieren darauf. Dazu eine kleine Sportjacke und Strumpfhosen. Jeden Morgen rasierten wir seinen Schnurrbart, dünnten sein Haar aus, so gut wir konnten. Großzügig verteilten wir Babypuder über ihn, in der Hoffnung, selbst irgendwann an die Illusion Kind glauben zu können. Doch es blieb schwierig.
"Was wollen Sie denn nun mit Ihrem Leben anfangen?", fragte ich ihn oft, in der Hoffnung, er würde sich Arbeit suchen, eine eigene Wohnung oder verreisen.

Wir sind zwar Waldorfschule, aber wir sind nicht dumm.

"Ich weiß es noch nicht", sagte er. "Auch für mich ist das alles schwierig. Sie sind nett. Aber trotzdem."
Gestern hatte er eine Flasche billigen Cognac besorgt, für die Petra ihm das Geld gegeben hatte.
"Ich möchte mich bei Ihnen bedanken", hatte er förmlich gesagt, bevor wir uns dann ganz unförmlich betranken.
"Du bist wie ’ne Mudder für mich", schrie er später, und ich drückte ihn immer wieder an mich. Umarmte ihn, bis er dann an meinen Brustwarzen zu saugen begann. Ich wurde still.
"Entschuldigung", sagte er. Wischte sich das Haar aus dem verschwitzten Gesicht.
Wir versuchten ihn in Schulen anzumelden. Doch selbst in der Waldorfschule nahm man ihn nicht. Der Direktor nahm mich beiseite und erklärte bei einem Sherry und einer Zigarre: "Herr Grömsen, wir sind zwar eine Waldorfschule, aber wir sind nicht dumm. Ganz sicher nicht. Ich habe in meinem Leben schätzungsweise 80.000 Kinder gesehen. Stellen Sie sich das mal vor." Er machte eine Pause, ließ Rauchkringel durchs Zimmer steigen, damit ich mir leichter die Nullen von 80.000 Kindern vorstellen konnte. "Ich kann sehr wohl einschätzen, wer ein Kind ist und wer nicht. Und Ihr Junge ist kein Kind. Ihr Junge ist ein Mann. Ein kleiner Mann zwar, aber ein Mann."