Schließlich half er bei einem Bekannten im Lager. Oft saß er am Abend niedergeschlagen bei uns in der Küche, rauchte, und manchmal glaubte ich auch, er würde weinen, obwohl er immer wieder beteuerte, es liege am Zigarettenrauch. Selbst wenn er gar nicht rauchte. Immer häufiger trank er, und war er betrunken, dann platzte es oft aus ihm heraus: "Wieso hast du mich geboren? Hast du mich je gefragt?"
Ich schüttelte den Kopf, schrie zurück: "Hat mich wer gefragt? Meinst du, ich hab' dich gewollt?"
Er weinte jetzt ungeniert, und in solchen Momenten erwachte tatsächlich so etwas in mir, was als Muttergefühl durchgegangen wäre. Auch wenn ich es nicht zugab. Noch immer konnte man uns nicht erklären, wie all das gekommen war, und wir wussten nicht weiter.

Ich hatte ihn aufs Autodach gesetzt.

Doch neben Momenten der Frustration und Verzweiflung, gab es auch immer wieder Augenblicke, in denen er meinte, er könne sich an sein altes Leben erinnern. Einmal sagte er in solch einem Moment: "Ich sehe eine Katze. Sie hieß Hannes. Und ich habe auf einer Bohrinsel gearbeitet."
Sahen wir Dokumentationen, glaubte er manchmal, Menschen daraus wiederzuerkennen. Und einmal bei der Landpartie auf NDR, da wurde er ganz aufgeregt und glaubte, schon einmal in dem Dorf gewesen zu sein.
Als wir am Wochenende darauf dorthin fuhren, sahen uns die Leute seltsam an. Ich hatte ihn aufs Autodach gesetzt. Langsam fuhren wie die Dorfstraße hoch und runter. Ich hupte, und die Leute standen dort und sahen uns an. Fünf Mal fuhr ich die Straße hoch und runter, bis dann eine Frau Mitte vierzig langsam den Arm hob und mich zu sich winkte.

"Der hat Ähnlichkeit mittem Kuddel", sagte sie, als wir bei Köm und Korn bei ihr in der Stube saßen und sie uns ein Foto ihres verstorbenen Mannes präsentierte. Tatsächlich hatten die beiden etwas Ähnlichkeit. Auch jener Kuddel trug das Haar ungewaschen und lang, und sein Gesicht war so schmal, dass kaum ein Lachen hineinzupassen schien. Mürrisch sah er uns vom Foto aus an. Der kleine Mann nahm das Foto und betrachtete es.

Sie packte ihn und setzte ihn sich auf den Schoß.

"Ich weiß nicht so recht", sagte er skeptisch und sah sich in der schmutzigen Wohnstube um. Betrachtete die Frau, die ihren Stuhl etwas näher an seinen rückte und sich die schmutzigen Hände, die schon sehr lange schmutzig zu sein schienen, an dem fleckigen Haushaltskittel abwischte.
"Würd' ihn nehmen", verkündete die Frau schließlich und leckte sich über die spröden Lippen, nachdem eine Weile nur das Ticken der Standuhr zu hören gewesen war.
Nachdem der kleine Mann sich nicht rührte, packte sie ihn schließlich und setzte ihn sich einfach auf den Schoß. Sie presste ihn an sich. Roch an ihm.
"Wie Kuddel", sagte sie mit belegter Stimme.

Hilflos sah der kleine Mann mich an. Er verschwand fast zwischen dem gewaltigen, schäfchengroßen Busen der Frau. Die Frau hielt ihn fest umklammert. Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie begann mit ihren in Farbe und Konsistenz an Karamellpudding erinnernden Lippen den kleinen Mann immer wieder abzuküssen.
"Na dann", sagte ich, stand auf und schüttelte die kleine Hand des Mannes, der mich traurig ansah. Dann fuhr ich davon.

Die Erzählung ist entnommen aus: Sven Amstberg: "Paranormale Phänomene. Fast wahre Geschichten", erschienen bei Metrolit (208 S., 20 €). Mit Illustrationen von Kat Menschik