Im Helsinki, einer verranzten Kneipe irgendwo in einer ostdeutschen Provinzstadt, in der Soljanka und Wodka ganz oben auf der Speisekarte stehen, tanzen die Gläser. Und das im buchstäblichen Sinne: Unweit des rustikalen Rauchertreffs sind seit einiger Zeit die Bagger am Werk, um das schäbige Kohlerevier mit neuen Rohrsystemen zu versorgen. Nicht nur im sandigen Untergrund aber wird gewühlt, vor allem sind es die verschütteten Altlasten der deutschen Vergangenheit, die Jaroslav Rudiš in seinem Roman Vom Ende des Punks in Helsinki wieder zutage fördert.

Dreh- und Angelpunkt dieses von Sprachwitz und Alltagskomik durchdrungenen Romans ist das Jahr 1987, als Die Toten Hosen in Pilsen ein berühmt-berüchtigtes Konzert mit allerlei Exzessen und viel Protestenergie gegen die sowjetische Vormachtstellung zum Besten geben. Auch Ole, damals noch rebellischer Anarchist, ist Ende der achtziger Jahre in der westböhmischen Stadt unterwegs und verliebt sich Hals über Kopf in die 15-jährige Punk-Pubertierende Nancy. Kurzerhand beschließen die Frühreifen, durch Wald und Feld die Grenze gen Westen zu überwinden. 

Als Nancy von Wachpatrouillen erschossen wird, findet das Querulantentum des verliebten Revoluzzers jedoch ein jähes Ende. Seine Familie erlebt gesellschaftliche Ausgrenzung; aus Ole wird eine verkrachte Existenz: Als Wirt des Helsinki, geplagt von Schuldgefühlen und Geldnöten, lebt er heute visionslos in den Tag hinein. 

Dahinvegetieren in der Gegenwart

Die Schatten der Geschichte sind beharrlich. Auch wenn Rudiš seinen Roman immer wieder im Ton einer leichtfüßigen Groteske daherkommen lässt, so vermischt sich das Rumoren der Bagger, die Tag für Tag die Altlasten aufwühlen, doch unüberhörbar mit dem allgegenwärtigen Schmerz von Ole: Er "spürt, dass diese Geschichte dem größten Splitter in seinem Bauch gleicht, einer scharfkantigen Scherbe, die ihn seit dem Moment, als er das Mädchen sterben sah, verfolgt und ihm Höllenschmerzen zufügt." 

Unprätentiös und bildreich stellt Rudiš, Jahrgang 1972 und tschechisches Musik- und Schreibtalent, die beiden, im Heute und in der Vergangenheit spielenden Handlungsstränge nebeneinander. Nancys flapsige, im Jugendslang niedergeschriebenen Tagebuchaufzeichnungen lassen die Kraft des Punklebens in der Tschechoslowakei noch einmal anschwellen. Umso trister erscheint dagegen Oles Dahinvegetieren in der Gegenwart. Dass auch dessen Vergangenheit von Vitalität, Idealen und Widersprüchen der jüngeren Zeithistorie geprägt war, wird lediglich aus Nancys Aufzeichnungen ersichtlich: Die sowjetische Okkupation, das schwierige Zwischendasein der Sudetendeutschen, das atomare Damoklesschwert des Kalten Krieges und nicht zuletzt der Tschernobyl-GAU spiegeln das Aufwachsen in bewegten Umbruchsjahren wider.   

Jaroslav Rudiš, der zuletzt durch seine Comicfigur Alois Nebel von sich Reden machte, aber auch durch seine Hommage an U-Bahn-Feeling und Subkultur der Hauptstadt Der Himmel unter Berlin (deutsch 2004) zu Bekanntheit gelangte, reißt viele dieser Themen allerdings nur an, weniges füllt er mit Substanz.